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Faust: Der Tragödie zweiter Teil
von Johann Wolfgang von Goethe
1. Anmutige Gegend 2. Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer 3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta 4. Hochgebirg 5. Offene Gegend
1. Akt--Anmutige Gegend
Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend.
Dämmerung.
Geister-Kreis schwebend bewegt, anmutige kleine Gestalten.
ARIEL.
Gesang von Aolsharfen begleitet.
Wenn der Blüten Frühlingsregen Über alle schwebend sinkt, Wenn der Felder grüner Segen Allen Erdgebornen blinkt, Kleiner Elfen Geistergröße Eilet, wo sie helfen kann; Ob er heilig, ob er böse, Jammert sie der Unglücksmann.
Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise, Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise: Besänftiget des Herzens grimmen Strauß, Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile, Sein Innres reinigt von erlebtem Graus! Vier sind die Pausen nächtiger Weile; Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus! Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder, Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut! Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder, Wenn er gestärkt dem Tag entgegen ruht. Vollbringt der Elfen schönste Pflicht: Gebt ihn zurück dem heiligen Licht!
CHOR
einzeln, zu zweien und vielen, abwechselnd und gesammelt.
Wenn sich lau die Lüfte füllen Um den grünumschränkten Plan, Süße Düfte, Nebelhüllen Senkt die Dämmerung heran, Lispelt leise süßen Frieden, Wiegt das Herz in Kindesruh Und den Augen dieses Müden Schließt des Tages Pforte zu.
Nacht ist schon hereingesunken, Schließt sich heilig Stern an Stern; Große Lichter, kleine Funken Glitzern nah und glänzen fern; Glitzern hier im See sich spiegelnd, Glänzen droben klarer Nacht; Tiefsten Ruhens Glück besiegelnd Herrscht des Mondes volle Pracht.
Schon verloschen sind die Stunden, Hingeschwunden Schmerz und Glück; Fühl' es vor! Du wirst gesunden; Traue neuem Tagesblick! Täler grünen, Hügel schwellen, Buschen sich zu Schattenruh; Und in schwanken Silberwellen Wogt die Saat der Ernte zu.
Wunsch um Wünsche zu erlangen Schaue nach dem Glänze dort! Leise bist du nur umfangen; Schlaf ist Schale: wirf sie fort! Säume nicht dich zu erdreisten, Wenn die Menge zaudernd schweift; Alles kann der Edle leisten, Der versteht und rasch ergreift.
Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne.
ARIEL.
Horchet! horcht dem Sturm der Hören! Tönend wird für Geistesohren Schon der neue Tag geboren. Felsentore knarren rasselnd, Phöbus' Räder rollen prasselnd, Welch Getöse bringt das Licht! Es trommetet, es posaunet, Auge blinzt und Ohr erstaunet, Unerhörtes hört sich nicht. Schlüpfet zu den Blumenkronen, Tiefer, tiefer, still zu wohnen, In die Felsen, unters Laub! Trifft es euch, so seid ihr taub.
FAUST.
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen. Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen, Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben. Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen, Zum höchsten Dasein immer fortzustreben.-- In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen, Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben, Tal aus Tal ein ist Nebelstreif ergossen; Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen, Und Zweig' und Äste, frisch erquickt, entsprossen Dem duft'gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen. Auch Färb' an Farbe klärt sich los vom Grunde, Wo Blunr und Blatt von Zitterperle triefen-- Ein Paradies wird um mich her die Runde.
Hinaufgeschaut!--Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen, Das später sich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet, Und stufenweis herab ist es gelungen-- Sie tritt hervor!--und, leider schon geblendet, Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen; Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen Ein Flammenübermaß--wir stehn betroffen. Des Lebens Fackel wollten wir entzünden, Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer! Ist's Lieb', ist's Haß, die glühend uns umwinden, Mit Schmerz-und Freuden wechselnd ungeheuer, So daß wir wieder nach der Erde blicken, Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier?
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken. Von Sturz zu Sturze wälzt er jetzt in tausend, Dann abertausend Strömen sich ergießend, Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend. Allein wie herrlich diesem Sturm entsprießend. Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, Umher verbreitend duftig kühle Schauer. Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. Ihm sinne nach und du begreifst genauer: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
KAISERLICHE PFALZ
SAAL DES THRONES
Staatsrat in Erwartung des Kaisers. Trompeten.
Hofgesinde aller Art, prächtig gekleidet, tritt vor. Der Kaiser gelangt auf den Thron, zu seiner Rechten der Astrolog.
KAISER.
Ich grüße die Getreuen, Lieben, Versammelt aus der Näh und Weite.-- Den Weisen seh' ich mir zur Seite, Allein wo ist der Narr geblieben?
JUNKER.
Gleich hinter deiner Mantelschleppe Stürzt' er zusammen auf der Treppe, Man trug hinweg das Fettgewicht; Tot oder trunken, weiß man nicht.
ZWEITER JUNKER.
Sogleich mit wunderbarer Schnelle Drängt sich ein andrer an die Stelle. Gar köstlich ist er aufgeputzt, Doch fratzenhaft, daß jeder stutzt. Die Wache hält ihm an der Schwelle Kreuzweis die Hellebarden vor-- Da ist er doch, der kühne Tor!
MEPHISTOPHELES: am Throne kniend. Was ist verwünscht und stets willkommen? Was ist ersehnt und stets verjagt? Was immerfort in Schutz genommen? Was hart gescholten und verklagt? Wen darfst du nicht herbeiberufen? Wen höret jeder gern genannt? Was naht sich deines Thrones Stufen? Was hat sich selbst hinweggebannt?
KAISER: Für diesmal spare deine Worte! Hier sind die Rätsel nicht am Orte, Das ist die Sache dieser Herrn.-- Da löse du! das hört' ich gern. Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite; Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
GEMURMEL DER MENGE: Ein neuer Narr--Zu neuer Pein-- Wo kommt er her?--Wie kam er ein?-- Der alte fiel--Der hat vertan-- Es war ein Faß--Nun ist's ein Span--
KAISER: Und also, ihr Getreuen, Lieben, Willkommen aus der Näh' und Ferne! Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne, Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben. Doch sagt, warum in diesen Tagen, Wo wir der Sorgen uns entschlagen, Schönbärte mummenschänzlich tragen Und Heitres nur genießen wollten, Warum wir uns ratschlagend quälen sollten? Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an, Geschehen ist's, so sei's getan.
KANZLER: Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein, Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein Vermag sie gültig auszuüben: Gerechtigkeit!--Was alle Menschen lieben, Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren, Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren. Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand, Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand, Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wütet Und übel sich in übeln überbrütet? Wer schaut hinab von diesem hohen Raum Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum, Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet, Das Ungesetz gesetzlich überwaltet Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet. Der raubt sich Herden, der ein Weib, Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare, Berühmt sich dessen manche Jahre Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib. Jetzt drängen Kläger sich zur Halle, Der Richter prunkt auf hohem Pfühl, Indessen wogt in grimmigem Schwalle Des Aufruhrs wachsendes Gewühl. Der darf auf Schand' und Frevel pochen, Der auf Mitschuldigste sich stützt, Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen, Wo Unschuld nur sich selber schützt. So will sich alle Welt zerstückeln, Vernichtigen, was sich gebührt; Wie soll sich da der Sinn entwickeln, Der einzig uns zum Rechten führt? Zuletzt ein wohlgesinnter Mann Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher, Ein Richter, der nicht strafen kann, Gesellt sich endlich zum Verbrecher. Ich malte schwarz, doch dichtern Flor Zög' ich dem Bilde lieber vor. Entschlüsse sind nicht zu vermeiden; Wenn alle schädigen, alle leiden, Geht selbst die Majestät zu Raub.
HEERMEISTER: Wie tobt's in diesen wilden Tagen! Ein jeder schlägt und wird erschlagen, Und fürs Kommando bleibt man taub. Der Bürger hinter seinen Mauern, Der Ritter auf dem Felsennest Verschwuren sich, uns auszudauern, Und halten ihre Kräfte fest. Der Mietsoldat wird ungeduldig, Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn, Und wären wir ihm nichts mehr schuldig, Er liefe ganz und gar davon. Verbiete wer, was alle wollten, Der hat ins Wespennest gestört; Das Reich, das sie beschützen sollten, Es liegt geplündert und verheert. Man läßt ihr Toben wütend hausen, Schon ist die halbe Welt vertan; Es sind noch Könige da draußen, Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
