In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens König, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als jemals zuvor.
Stockholm, 28. März 1917. Sven Hedin
Einleitung
Droysens Buch über Alexander den Großen gehört unstreitig zu den klassischen Werken der deutschen historischen Prosa: die Gediegenheit der Forschungen, die Tiefe der Auffassung, die Frische des Stils, wie sie in dem Buche zutage treten, berechtigen zu diesem Urteil. »Droysens Verständnis für den idealen Gehalt der Vergangenheit, seine lebhafte Auffassung historischer Charaktere und seine Anlage für deren Vergegenwärtigung trafen mit der Lehre Hegels von der Verkörperung der großen, weltbewegenden Ideen in den Heroen der Geschichte zusammen. Diesem Zusammentreffen ist Droysens erste historische Arbeit, sein Alexander von Makedonien entsprungen«, schreibt Max Duncker in seiner trefflichen, unmittelbar nach dem Tode des Forschers verfaßten biographischen Skizze. Man muß freilich gestehen, daß die allgemeinen Prinzipien der heutigen historischen Wissenschaft nicht mehr die gleichen sind wie die des jungen Droysen. Was wir heute suchen, ist nicht der »ideale Gehalt der Vergangenheit«, sondern einfach die Vergangenheit an sich, und unser Urteil über geschichtliche Persönlichkeiten ist von der Lehre Hegels nicht mehr beeinflußt. Indessen, in der Praxis der historischen Arbeit verfuhr Droysen durchaus modern. Das Ideale der antiken Geschichte sucht er niemals durch Schönfärberei oder willkürliche Auswahl der überlieferten Tatsachen zu gewinnen, sondern in streng kritischer, voraussetzungsloser Untersuchung der Tradition will Droysen sich das Bild des griechischen Staates und seiner Leistungen schaffen: wenn dieses Bild dann groß und erhaben wirkt, und vorbildlich für die eigene Zeit, so ist das für den Geschichtschreiber erfreulich, aber es belastet das Gewissen des Gelehrten nicht. Was den zweiten Punkt betrifft, so kommt es ja tatsächlich oftmals vor, daß die großen politischen Gedanken der Völker in einzelnen Männern gewissermaßen Fleisch und Blut gewinnen, von ihnen vollkommen erfaßt und in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Es genügt hier, an den Gedanken der deutschen Einheit und an Bismarck zu erinnern. Aber so gewaltig Bismarcks Können und Wollen auch gewesen ist, er hätte sein Ziel nicht erreicht, wenn ihm das Schicksal nicht einen Monarchen an die Seite gestellt hätte, der ihn und seine Ideen verstand und es ihm möglich machte, sein Werk zu schaffen. Und wenn wir nicht nur an Bismarck, sondern auch an Kaiser Wilhelm I. denken, kommen wir zu einer rechten Würdigung des historischen Alexander so gut wie des Alexanderbildes von Droysen. So wenig auch äußerlich Wilhelm I. und Alexandros, der Sohn des Philippos, miteinander gemein haben, der schlichte, durch und durch solide, seinen Mitarbeitern unbedingt treue, norddeutsche Fürst, der im Bilde des Greises in der Nachwelt weiterlebt -- und auf der anderen Seite der hochbegabte, aber theatralische Südländer, auf dessen Andenken es lastet, daß er seinen Moltke heimtückisch umbringen ließ, und den Roman und Legende durch zwei Jahrtausende zum Heldenjüngling gestaltet haben: die Jahrzehnte, in denen das deutsche Volk seine Einigung und Weltstellung gewann, stehen unter dem Zeichen Wilhelms I., und die Epoche, in der das hellenische Volk, frisch geeinigt, die Weltherrschaft eroberte, ist das Zeitalter Alexanders.
Droysen hat den König Alexander für einen ganz großen Menschen, für einen Genius ersten Ranges, gehalten. Die moderne Forschung ist zum Teil andere Wege gegangen. Es läßt sich, bei der Dürftigkeit des auf uns gekommenen authentischen Materials, nicht ganz sicher entscheiden, wer recht hat, ob Johann Gustav Droysen, oder -- um gleich den Namen seines Antipoden zu nennen, Julius Beloch. Fest steht es, daß die hellenische Welteroberung zugleich eine Tat des Königs Alexander gewesen ist, daß sich die Entwicklung der Nation und das Leben des einen Mannes nicht trennen läßt.
Aber auch schon für Droysen selbst ist die Sache wichtiger gewesen als die Person: die Bedeutung Alexanders liegt für ihn darin, daß er das Ende einer Weltepoche bezeichnet, und den Anfang einer neuen. Diese neue Epoche bringt die »Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die Völker ausgelebter Kulturen«, mit einem Wort: die Entstehung des Hellenismus. Es bleibt für alle Zeiten eine wissenschaftliche Großtat Droysens, daß er, man kann wohl sagen, der Entdecker des Hellenismus geworden ist. Drei Jahre nach dem Erscheinen der Alexandergeschichte folgte ihre Fortsetzung, die Schilderung der Epoche der Diadochen (1836), 1843 schloß sich die Geschichte der nächsten Generation griechischer Herrscher, der sog. Epigonen an. In einer zweiten Auflage hat Droysen alle drei Bände als »Geschichte des Hellenismus« vereinigt (1877/78). Für den einseitigen Klassizismus hört das vorbildliche Griechentum mit Chaironeia und Demosthenes auf: was danach kommt, ist Entartung und Verfall. Tatsächlich ist es aber gerade die hellenistische Periode, in der das griechische Volk politisch die größten Erfolge gehabt hat, so daß man direkt berechtigt ist, von einer griechischen Weltherrschaft im Zeitalter des Hellenismus zu sprechen, und auch die kulturellen Schöpfungen dieser Epoche lassen sich aus der Entwicklung der abendländischen Menschheit nicht wegdenken. Droysen hat als erster durch ein großzügiges Geschichtswerk die welthistorische Bedeutung des Jahrhunderts von Alexander bis zur Intervention der Römer im Osten klargelegt, sowie den Zusammenhang der politischen Begebenheiten dieser Zeit mit glänzender Kombinationskraft aus der vielhaft trümmerhaften Überlieferung zu gewinnen gesucht.
Zur rechten Würdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei Vorfragen zu lösen, die wieder untereinander eng zusammenhängen: es sind die Probleme der Nationalität der Makedonen, und der Politik des Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen, wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist der Streit über beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die nationale Einigung gegeben, wenn nein -- dann sind die Griechen unter die Herrschaft ausländischer Zwingherren geraten, welche sie für ihre Zwecke ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prüfung der Sprache der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts nur mäßig, aber das sprachliche Material läßt doch den Schluß ziehen, daß die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese Überzeugung hat bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Nordstämme, als »Pelasger« bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht anwenden; denn die Theorie von den »Pelasgern« als den Urgriechen läßt sich heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der Auffassung der Makedonenfrage hängt auch gutenteils das Urteil über die Politik des Demosthenes ab. Waren König Philipp und sein Sohn keine Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft, im anderen Falle aber nur der Vertreter eines überlebten Partikularismus. Die Bewunderung für Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und neuer Zeit dazu geführt, daß man auch seine politische Wirksamkeit in der Verklärung sah. Mit ausgezeichneten Gründen bekämpft Droysen diese Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das Attribut des »größten Redners aller Zeiten« will er ihm nicht entziehen. Aber Droysen bezweifelt es, daß Demosthenes als Staatsmann groß, und daß er überhaupt »der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands« gewesen ist. In einer glücklichen Kombination malt Droysen das Bild der griechischen Zustände aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes unstreitig gestaltet hätten: »Mochten die attischen Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keins dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen.« Die neueste Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, daß Demosthenes zwar ein großer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darüber darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rührende Aufopferung, mit der das athenische Volk sein Blut für all die Dinge verspritzt hat, die ihm seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem »schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens« spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenkönig vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und Familienvater, der pflichtgemäß für seine republikanische Freiheit unter den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der Kämpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift für die Gefallenen rührend zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mögen hier -- in der Übersetzung von Wilamowitz -- Platz finden: