EROTIKA BIBLION
von Honoré Gabriel Riquetti Graf von Mirabeau
HYPERIONVERLAG
Anagogie
Bekanntlich[A] haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertümer von Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Künstler und Gelehrten erschöpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften. Sowie man sie berührt, zerfällt alles in Staub.
Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterschoß der Erde darbietet, zu ziehen, der Königin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die Fürstin, eine Freundin aller Künste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern versteht, hat die Künstler liebenswürdig aufgenommen: sie aber stürzten sich auf diese unsäglich schwierige Arbeit.
Zuerst kleben sie eine dünne Leinwand über eine dieser Rollen; wenn das Leinen trocken ist, hängt man es auf und legt gleichzeitig die Rolle auf einen beweglichen Rahmen, um ihn unmerklich zu senken, je nachdem die Abwicklung vor sich geht. Um sie zu erleichtern, streicht man mit einem Federbart einen Faden Gummiwassers auf die Rolle, und allmählich lösen sich Teile davon ab, um sich unverzüglich auf die ausgespannte Leinewand zu leimen.
[Fußnote A: Der Titel dieses Buchs wird nicht allen Lesern verständlich sein und manche werden keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Stoff finden. Nichtsdestoweniger würde ein anderer nicht zu ihm passen; und wenn wir ihn griechisch gelassen haben, wird man den Grund dazu leicht verstehen.]
Diese mühselige Arbeit nimmt soviel Zeit in Anspruch, daß man im Laufe eines Jahres kaum einige Blätter abrollen kann. Die Unannehmlichkeit, nur allzu oft Handschriften zu finden, die nichts enthalten, hätte auf dieses schwierige und mühselige Unternehmen verzichten lassen, wenn so viele Anstrengungen nicht schließlich durch die Entdeckung eines Werkes belohnt worden wären, das bald den Scharfsinn von einhundertfünfzig Akademien Italiens herausgefordert hat[A].
[Fußnote A: Deren Namen zum mindesten seltsam sind. Akademien in Bologna: Abbandonati, Ansiosi, Ociosi, Arcadi, Confusi, Difettuosi, Dubbiosi, Impatienti, Inabili, Indifferenti, Indomiti, Inquieti, Istabili, Della Notte, Piacere, Sienti, Sonnolenti, Torbidi, Verpentini.
In Genua: Accordati, Sopiti, Resvegliati.
In Gubio: Addormentati.
In Venedig: Acuti, Allettati, Discordanti, Disgiunti, Disingannati, Dodonci, Filadelfici, Incruscabili, Instancabili.
In Rimini: Adagiati, Entrupelli.
In Pavia: Affidati, Della Chevia.
In Fermo: Raffrontati.
In Molisa: Agiati.
In Florenz: Alterati, Humidi, Furfurati, Della Crusca, Del Cimento, Infocati.
In Cremona: Animosi.
In Neapel: Arditi, Infernati, Intronati, Lunatici, Secreti, Sirenes, Sicuri, Volanti.
In Ancona: Argonauti, Caliginosi.
In Urbino: Assorditi.
In Perugia: Atomi, Eccentrici, Insentati, Insipidi, Unisoni.
In Tarent: Audaci.
In Macerata: Catenati, Imperfetti, Chimerici.
In Siena: Cortesi, Giovali, Prapussati.
In Rom: Delfici, Humoristi, Lincai, Fantastici, Negletti, Illuminati, Incitati, Indispositi, Infecondi, Melancholici, Notti, Vaticane, Notturi, Ombrosi, Pellegrini, Sterili, Vigilanti.
In Padua: Delii, Immaturi, Orditi.
In Drepano: Difficilli.
In Brescia: Dispersi, Erranti.
In Modena: Dissonanti.
In Syrakus: Ebrii.
In Mailand: Cliconii, Faticosi, Fenici, Incerti, Miscosti.
In Recannati: Disuguali.
In Candia: Extravaganti.
In Pezzaro: Eterocliti.
In Commachio: Flattuanti.
In Arezzo: Forzati.
In Turin: Fulminales.
In Reggio: Fumosi, Muti.
In Cortone: Incogniti.
In Rossano: Incuriosi.
In Brada: Innominati, Tigri.
In Acis: Intricati.
In Mantua: Invaghiti.
In Agrigent: Mutabili, Offuscati.
In Verona: Olympici, Unanii.
In Viterbo: Ostinati, Vagabondi.
Wenn irgendein Leser begierig ist, diese Namenreihe zu vermehren, braucht er nur ein Werk von Jarckins nachzuschlagen, das 1725 in Leipzig gedruckt worden ist. Der Verfasser hat nur die Geschichte der Akademien von Piemont, Ferrara und Mailand geschrieben. Er zählt ihrer fünfundzwanzig allein in letzter Stadt auf. Die Liste der anderen ist endlos, und ihre Namen sind die einen noch seltsamer als die anderen.]
Es handelte sich um eine mozarabische Handschrift, die geschrieben ist in den fernen Zeiten, wo Philippus von der Seite des Eunuchen von Candacia fort geraubt wurde[A]; wo Habacuc, an den Haaren[B] emporgetragen, Daniel das Mittagbrot fünfhundert Meilen weit trug, ohne daß es kalt wurde, wo die beschnittenen Philister sich Vorhäute machten[C], wo Hintern von Gold Hämorrhoiden heilten[D] . . . . . Ein gewisser Jeremias Shackerley, ein Rechtgläubiger laut der Handschrift, nutzte die Gelegenheit für sich aus.
Er war gereist, und von Vater auf Sohn war nichts in der Familie, einer der ältesten auf der Welt, verloren gegangen, da sie nicht unzuverlässige Überlieferungen aus dem Zeitabschnitt aufbewahrte, wo die Elefanten die kältesten Teile Rußlands bevölkerten, wo Spitzbergen wundervolle Orangen hervorbrachte, wo England nicht von Frankreich getrennt war, wo Spanien noch am Festland von Kanada hing durch das große, Atlantis geheißene Land, dessen Namen man kaum bei den Alten wiederfindet, das uns aber der scharfsinnige Herr Bailly so gut zu schildern weiß.
Shackerley wollte auf einen der entferntesten Planeten, die unser System bilden, gebracht werden[E], doch setzte man ihn nicht auf dem Planeten selber nieder, sondern lud ihn auf dem Ring des Saturn ab. Dieser ungeheure Himmelskörper war noch nicht in Ruhe. Auf seinen niedrig gelegenen Teilen gabs tiefe und stürmische Meere, reißende Sturzbäche, strudelnde Gewässer, beinahe immerwährende Erdbeben, die durch das Einsinken von Höhlen und häufige Vulkanausbrüche hervorgerufen wurden, wirbelnde Dampf- und Rauchsäulen, Stürme, die unaufhörlich durch die Erschütterungen der Erde und ihren wütenden Anprall gegen die Gewässer der Meere erregt wurden, Überschwemmungen, Austreten der Flüsse, Sintfluten Lava-, Erdpech-, Schwefelströme, die die Gebirge verheerten und sich in die Ebenen stürzten, wo sie die Gewässer vergifteten; das Licht aber war durch Wasserwolken, durch Aschenmassen, durch glühende Steine, die die Vulkane auswarfen, verdunkelt . . . . Also sah es auf diesem noch ungestalten Planeten aus. Einzig der Ring war bewohnbar. Sehr viel dünner und mehr abgekühlt erfreute er sich bereits seit langem der Vorteile der vollkommenen, empfänglichen, weisen Natur; aber man erblickte von dort aus die furchtbaren Vorgänge, deren Theater der Saturn war.
[Fußnote A: Aet., Kap. 8, 39. Spiritus Domini rapuit Philippum et amplius non vidit eunuchus.]
[Fußnote B: Daniel, Kap. 14, 32. Erat autem Habacuc prophaeta in Judaea, et ipse coxerat pulmentum . . . Et ibat in campum ut ferret messoribus.
33. Dixit que angelus Domini ad Habacuc: fer prandium quod habes in Babylonem Danieli.
35. Et apprehendit eum angelus Domini in vertice eius, et portavit eum capillo capitis sui, posuitque eum in Babylone.
Isaac, Baron de Sacy, hat capillo mit: die Haare übersetzt. Luther schreibt: oben beym Schopf; was derselbe Fehler ist. Denn Habacuc an einem Haar dahingetragen zu haben, ist ein größeres Wunder als an den Haaren; auf alle Fälle aber ging die Fahrt schnell von statten.]
[Fußnote C: Maccab. 1. 16. I v. I c.
Et fecerunt sibi praeputia. Was Isaac, Baron de Sacy, mit: Sie nahmen von sich die Zeichen der Beschneidung übersetzt. Die Septuaginta sagt ganz einfach: sie machten sich Vorhäute. Die Kirchenväter haben ebenso übersetzt. Doch als die Jansenisten auf der Bildfläche erschienen, behaupteten sie, daß man die Vorhäute jungen Mädchen nicht in den Mund legen könnte, wenn man sie die Bibel aufsagen läßt. Im Gegenteil dazu erklärten die Jesuiten, auch nur ein einziges Wort in der Bibel zu verändern, sei ein Verbrechen.
Der Baron de Sacy hat also umschrieben, und der Pater Berrhuyer hat Sacy der Ketzerei geziehen und behauptet, er habe Luthers Bibel benutzt. Tatsächlich bedient sich Luther in seiner Bibel des Wortes Beschneidung.
Und hielten die Beschneidung nicht mehr. 1 2 3 4 5 6 Et ont gardé la coupure point davantage. 1 2 3 4 5 6
Luther hat wahrlich schlecht übertragen. Das Wunder, wie man es auch übersetzt, bestand darin, daß man sich eine Vorhaut machte. Nun war die Sache im Texte der Septuaginta wirklich wunderbar und ist es durchaus nicht in der Übersetzung der Jansenisten.]
[Fußnote D: Buch der Könige, lib. VII, Kap. 6, Vers 17. Hi sunt autem ani aurei quos reddiderunt pro dilecto domino.]
[Fußnote E: Ich zweifle nicht, daß irgendeine halbgelehrte oder starrsinnige Kritik in der Folge dieses Berichts Shackerley für viel erfahrener in der Astronomie halten wird, als es sich mit der genauen Schilderung eines von Herkulanum zeitgenössischen Werkes verträgt. Doch bitte ich zu bedenken, daß erstens die mystische Auslegung der heiligen Schrift eine von Jeremias Shackerley gemachte Enthüllung ist, ganz wie . . . ach! ja: ganz wie Sankt Johannes die Apokalypse auf der Insel Pathmos geschrieben hat, daß zweitens kein Mensch in Herkulanum aus dieser Handschrift hat klug werden können, die wohl vor Jesu Christi Geburt geschrieben worden ist, wie wir auch ganz ratlos der Apokalypse gegenüberstehen, die die Zahl 666 . . . . . auf der Stirn hat, eine Zierde, die selbst für einen französischen Ehemann einzig sein würde, was durchaus nicht die Echtheit unseres gelehrten Manuskripts in Frage stellt. Und daß man drittens nur die unbestreitbare Geschichte der vorsintflutlichen Astronomie des Herrn Bailly nachzulesen braucht, um sich davon zu überzeugen, daß Shackerley alles wissen konnte, was er gewußt zu haben schien . . . Endlich erkläre ich aus sechsunddreißigtausend Gründen, die anzuführen allzu weitschweifig sein würde, daß, wer an Jeremias Shackerley zweifelt, als Ketzer verbrannt werden müßte.]
