Woyzeck
Georg Buechner
Vorbemerkung
Dieses Stueck ist ein Fragment. Es gibt keine einzig richtige Reihenfolge der einzelnen Szenen, denn sie sind weder nummeriert noch in Akte aufgeteilt.
Die hier vorliegende Reihenfolge stimmt mit der Verfilmung mit Klaus Kinski in der Hauptrolle ueberein, vom Ende vielleicht einmal abgesehen.
Das Stueck spielt in Darmstadt, die Figuren sprechen groesstenteils in dortigem Dialekt. Deshalb haben im Hochdeutschen grammatikalisch falsche Konstruktionen hier seine Richtigkeit.
Personen
Woyzeck Marie Hauptmann Doktor Tamboumajour Unteroffizier Andres Margret Budenbesitzer Marktschreier Alter Mann mit Leierkasten Jude Wirt Erster Handwerksbursch Zweiter Handwerksbursch Kaethe Narr Karl Grossmutter Erstes, zweites, drittes Kind erste, zweite Person Polizeikommissar
Soldaten. Studenten. Burschen und Maedchen Kinder. Volk
Woyzeck
Beim Hauptmann
[Hauptmann auf dem Stuhl, Woyzeck rasiert ihn.]
HAUPTMANN: Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern! Er macht mir ganz schwindlig. Was soll ich dann mit den 10 Minuten anfangen, die Er heut zu frueh fertig wird? Woyzeck, bedenk Er, Er hat noch seine schoenen dreissig Jahr zu leben, dreissig Jahr! Macht dreihundertsechzig Monate! und Tage! Stunden! Minuten! Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit all anfangen? Teil Er sich ein, Woyzeck!
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschaeftigung, Woyzeck, Beschaeftigung! Ewig: das ist ewig, das ist ewig - das siehst du ein; nur ist es aber wieder nicht ewig, und das ist ein Augenblick, ja ein Augenblick - Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, dass sich die Welt in einem Tag herumdreht. Was 'n Zeitverschwendung! Wo soll das hinaus? Woyzeck, ich kann kein Muehlrad mehr sehen, oder ich werd melancholisch.
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Woyzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat. - Red er doch was Woyzeck! Was ist heut fuer Wetter?
WOYZECK: Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm: Wind!
HAUPTMANN: Ich spuer's schon. 's ist so was Geschwindes draussen: so ein Wind macht mir den Effekt wie eine Maus. - [Pfiffig:] Ich glaub', wir haben so was aus Sued-Nord?
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Ha, ha ha! Sued-Nord! Ha, ha, ha! Oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm! - [Geruehrt:] Woyzeck, Er ist ein guter Mensch --aber-- [Mit Wuerde:] Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser hocherwuerdiger Herr Garnisionsprediger sagt - ohne den Segen der Kirche, es ist ist nicht von mir.
WOYZECK: Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drueber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.
HAUPTMANN: Was sagt Er da? Was ist das fuer eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfus mit seiner Antwort. Wenn ich sag': Er, so mein' ich Ihn, Ihn -
WOYZECK: Wir arme Leut - Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat - Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in Himmel kaemen, so muessten wir donnern helfen.
HAUPTMANN: Woyzeck, Er hat keine Tugend! Er ist kein tugendhafter Mensch! Fleisch und Blut? Wenn ich am Fenster lieg', wenn's geregnet hat, und den weissen Struempfen nachseh', wie sie ueber die Gassen springen - verdammt, Woyzeck, da kommt mir die Liebe! Ich hab' auch Fleisch und Blut. Aber, Woyzeck, die Tugend! Die Tugend! Wie sollte ich dann die Zeit rumbringen? Ich sag' mir immer: du bist ein tugendhafter Mensch - [geruehrt:] -, ein guter Mensch, ein guter Mensch.
WOYZECK: Ja, Herr Hauptmann, die Tugend - ich hab's noch nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr waer und haett' ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise und koennt' vornehm rede, ich wollt' schon tugendhaft sein. Es muss was Schoenes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl!
HAUPTMANN: Gut, Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zuviel, das zehrt; du siehst immer so verhetzt aus. - Der Diskurs hat mich ganz angegriffen. Geh jetzt, und renn nicht so; langsam, huebsch langsam die Strasse hinunter!
Freies Feld, die Stadt in der Ferne
[Woyzeck und Andres schneiden Stecken im Gebuesch. Andres pfeift.]
WOYZECK: Ja, Andres, der Platz ist verflucht. Siehst Du den lichten Streif da ueber das Gras hin, wo die Schwaemme so nachwachsen? Da rollt abends der Kopf. Es hob ihn einmal einer auf, er meint', es waer ein Igel: drei Tag und drei Naecht, er lag auf den Hobelspaenen. - [Leise:] Andres, das waren die Freimaurer! Ich hab's, die Freimaurer!
ANDRES [singt]:
Sassen dort zwei Hasen, frassen ab das gruene, gruene Gras...
WOYZECK: Still: Hoerst du's, Andres? Hoerst du's? Es geht was!
ANDRES: Frassen ab das gruene, gruene Gras... bis auf den gruenen Rasen.
WOYZECK: Es geht hinter mir, unter mir. - [Stampft auf den Boden:] Hohl, hoerst Du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer!
ANDRES: Ich fuercht' mich.
WOYZECK: 's ist so kurios still. Man moecht' den Atem halten. - Andres!
ANDRES: Was?
WOYZECK: Red was! - [Starrt in die Gegend.] - Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie's heraufzieht! - Fort! Sieh nicht hinter dich! - [Reisst ihn ins Gebuesch.]
ANDRES [nach einer Pause]: Woyzeck, hoerst du's noch?
WOYZECK: Still, alles still, als waer' die Welt tot.
ANDRES: Hoerst du? Sie trommeln drin. Wir muessen fort!
Die Stadt
[Marie mit ihrem Kind am Fenster. Margret. Der Zapfenstreich geht vorbei, der Tambourmajor voran.]
MARIE [das Kind wippend auf dem Arm]: He, Bub! Sa ra ra ra! Hoerst? Da kommen Sie!
MARGRET: Was ein Mann, wie ein Baum!
MARIE: Er steht auf seinen Fuessen wie ein Loew.
[Tambourmajor gruesst.]
MARGRET: Ei, was freundliche Auge, Frau Nachbarin! So was is man an ihr nit gewoehnt.
MARIE [singt]: Soldaten, das sind schoene Bursch ...
MARGRET: Ihre Auge glaenze ja noch -
MARIE: Und wenn! Trag Sie Ihr Aug zum Jud, und lass Sie sie putze; vielleicht glaenze sie noch, dass man sie fuer zwei Knoepfe verkaufen koennt.
MARGRET: Was, Sie? Sie? Frau Jungfer! Ich bin eine honette Person, aber Sie, es weiss jeder, Sie guckt sieben Paar lederne Hose durch!
MARIE: Luder! - [Schlaegt das Fenster durch.] - Komm, mei Bub! Was die Leute wolle. Bist doch nur ein arm Hurenkind und machst deiner Mutter Freud mit deim unehrlichen Gesicht! Sa! sa! - [Singt]
Maedel, was fangst Du jetzt an? Hast ein klein Kind und kein' Mann! Ei, was frag' ich danach? Sing' ich die ganze Nacht heio, popeio, mei Bu, juchhe! Gibt mir kein Mensch nix dazu.
[Es klopft am Fenster.]
MARIE: Wer da? Bist du's, Franz? Komm herein!
WOYZECK: Kann nit. Muss zum Verles'.
MARIE: Hast du Stecken geschnitten fuer den Hauptmann?
WOYZECK: Ja, Marie.
MARIE: Was hast du, Franz? Du siehst so verstoert.
WOYZECK [geheimnisvoll]: Marie, es war wieder was, viel - steht nicht geschrieben: Und sie, da ging ein Rauch vom Land, wie der Rauch vom Ofen?
MARIE: Mann!
WOYZECK: Es ist hinter mir hergangen bis vor die Stadt. Etwas, was wir nicht fassen, begreifen, was uns von Sinnen bringt. Was soll das werden?
MARIE: Franz!
WOYZECK: Ich muss fort. - Heut abend auf die Mess! Ich hab wieder gespart. - [Er geht.]
MARIE: Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehn! Er schnappt noch ueber mit den Gedanken! - Was bist so still, Bub? Furchtest dich? Es wird so dunkel; man meint, man waer' blind. Sonst scheint als die Latern herein. Ich halt's nit aus; es schauert mich! - [Geht ab.]
Buden. Lichter. Volk
ALTER MANN [singt und Kind tanzt zum Leierkasten]:
Auf der Welt ist kein Bestand, Wir muessen alle sterben, das ist uns wohlbekannt.
WOYZECK: Hei, Hopsa's! - Armer Mann, alter Mann! Armes Kind, junges Kind! Sorgen und Feste!
MARIE: Mensch, sind noch die Narrn von Verstande, dann ist man selbst ein Narr. - Komische Welt! Schoene Welt!
[Beide gehn weiter zum Marktschreier.]
MARKTSCHREIER [vor seiner Bude mit seiner Frau in Hosen und einem kostuemierten Affen]: Meine Herren, meine Herren! Sehn Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht: nix, gar nix. Sehn Sie jetzt die Kunst: geht aufrecht, hat Rock und Hosen, hat ein' Saebel! Der Aff ist Soldat; s' ist noch nicht viel, unterste Stuf von menschliche Geschlecht. Ho! Mach Kompliment! So - bist Baron. Gib Kuss! - [Er trompetet:] Wicht ist musikalisch. - Meine Herren, hier ist zu sehen das astronomische Pferd und die kleine Kanaillevoegele. Sind Favorit von alle gekroente Haeupter Europas, verkuendigen den Leuten alles: wie alt, wieviel Kinder, was fuer Krankheit. Die Repraesentationen anfangen! Es wird sogleich sein Commencement von Commencement.
WOYZECK: Willst Du?
MARIE: Meinetwegen. Das muss schoen Ding sein. Was der Mensch Quasten hat! Und die Frau Hosen!
[Beide gehn in die Bude.]
