»Wenn du dich selbst so einschätzst, -- -- so als das verworfenste Ding -- -- -- welche Stellung soll ich dann zu dir nehmen?« fragte plötzlich Mishujew, ohne seine glänzenden Augen vom Wasser abzuwenden.
»Ah!« schrie Maria Sergejewna ganz entgeistert auf, ließ den Pompadour und das Taschentuch, die im Augenblick ins Meer gerissen wurden, fallen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und ging schnell fort, fast laufend; sie verwickelte sich in ihr langes Kleid, das der Wind sofort erfaßt hatte. Die schlanke Frauengestalt schwankte schattengleich in dem leeren, windigen Raum, der über der finsteren, unaufhörlich am Ufer zerbrechenden Wasserfläche lag.
Mishujew begleitete mit seinen Blicken dieses winzig weiße Stückchen Stoff, das sich über dem Kamm der schäumigen Wellen hoch emporzuheben schien und dann plötzlich in der Schwärze der eingesunkenen kalten Tiefe verschwand.
Etwas Warmes regte sich in seiner Seele.
Er ging ihr nach, ohne sich selbst in Gedanken darüber klar zu werden, und holte sie bald ein.
Ihre kleinen, abfallenden Schultern waren eingezogen, und über ihnen schimmerte die feine Linie des im Mondlicht erblaßten Halses. Als sie seine Schritte hörte, blieb sie augenblicklich stehen, hob aber den Kopf nicht an, sondern hielt wie vorher das Gesicht mit den Händen bedeckt und den großen hellen Hut gesenkt; zart, niedlich und bis zu Tränen bemitleidenswert.
»Nun, genug doch ... Mä...russja,« rief Mishujew, ihren früheren Namen mit dem jetzigen verwechselnd in plötzlich erwachter inniger Zärtlichkeit und legte den Arm um ihre Schultern. »Verzeihe mir ... Ich wollte dich nicht kränken!«
Er erwartete, daß sie ihn launisch zurückstoßen, ihre Hände losreißen würde und kühl und fremd bliebe, er empfand bange Furcht davor. Er fühlte, daß er dann vollständig einsam wäre. Aber sie legte nur ihren Kopf an seine Brust und schob ihr Gesicht mit unruhig fragendem Schimmer in den Augen, die vom Mondenschein und Tränen geweitet waren, seinen Lippen entgegen. In ihren feuchten Pupillen und in den Mundwinkeln, um die ein leidendes Lächeln glitt, sah Mishujew den demütigen, erfreut-vergebenden Ausdruck, wie ihn geprügelte und wieder geliebkoste junge Hunde und kleine Kinder haben.
Im Augenblick war dieses Gefühl der Wärme und des Mitleids, das ihn selbst angenehm berührt hatte, wieder verschwunden, als wäre es nie gewesen; es hatte nur eine Kühle von Ärger und wachsender Erregung zurückgelassen. Er küßte sie kalt auf die warmen, feuchten Lippen und sagte, indem er ein wenig zurücktrat:
»Sei bitte nicht so launisch ... Das wird auf die Dauer langweilig ... was willst du eigentlich ... ich begreife dich nicht!«
Er schwieg, blickte starr auf die Seite und fügte hinzu:
»Ist Zeit nach Hause zu gehen ...«
Sie lächelte verwirrt, als wollte sie sagen: verzeihe mir -- -- vielleicht hatte ich wirklich Unrecht, ich weiß es nicht -- -- mir schien, daß du mich nicht liebst, -- -- daß du mich verachtest; -- -- und das ist ja unerträglich schwer ...
Sie geriet in Hast. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der weiße, kühle Mond und das unaufhörlich rauschende Meer blieben hinter ihnen zurück; ihnen entgegen flog schon ein Schwarm tanzender Töne. Doch immer noch war etwas Fremdes zwischen den Beiden.
Als sie nach Hause fuhren, fühlte Mishujew an seinem Schenkel die Berührung ihres elastischen Körpers, der unter trockenem, sprödem Stoff verschwand, sah ihr feines wie mit lichtlosen Farben gemaltes Profil, den Kopf, wie von einer unerträglichen Last gebeugt und fragte sich, was zwischen ihnen wäre ... zwischen ihm, dem Manne, der sie so viele Jahre hindurch verehrte, ohne daß er gewagt hätte, sich ihre Nacktheit, ihre Liebkosungen in Gedanken vorzustellen, und ihr, der reizenden, gütigen Frau, die ihren stillen Gatten so stark geliebt hatte, sich so einfach, wie eine ältere Schwester, zu ihm selbst verhielt und sich ein so keusches und reines Aussehen bewahrte, trotzdem sie verheiratet war.
II
In heller Sonne erglänzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer am Ufer schäumig grün, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit goldenem Glanz überstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge verschwammen mit den Sommervillen, die außerhalb der Stadt wie verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhängen lagen, in weißem Glanz.
Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich über die Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und leuchtete so wandlungsreich bunt, daß es unmöglich war herauszufinden, woher alle diese hellen Kleider, Hüte, Beine, Schultern und Gesichter mit den lebhaften Augen kämen. Es sah aus, als vergrößere sich die Menge ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill über den Köpfen und verband sich mit den Wellenschlägen an den Quadersteinen, dem schnellen Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer liebenswürdigen Musik.
Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen über die Strandpromenade, und der weiße Schleier, der von Maria Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdeköpfen vorbei, zwischen würdevollen Kutschern und dem auseinanderfließenden Zuge von Schirmen und Hüten.
Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kapriziöse Damenhüte wie exotische Vögel und Blumen prangten, hielt der Wagen plötzlich an, als wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoßen hätte. Leicht und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt der Equipage direkt in die dunkle Tür des Ladens hinein.
Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und trat hinter ihr ein.
Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.
Es waren einfache Stoffhüte »Babyfasson« vorgelegt worden; Maria Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.
Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden, und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung. Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut -- mit blauen, roten, bunten Bändern -- auf dem schwarzen Haar schien ihr matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger.
Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört -- nicht Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, -- nichts, außer einer unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen könnte.
Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren Blick gegen den ersten besten Gegenstand, -- gegen die Tischecke, den lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse hervortraten.
»Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir? ...« Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.
Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen konnte.
Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.
... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.
»Nun, welchen also? Sprich doch!« fragte sie nochmals, und schon klang in ihrer Stimme die eigentümliche Nuance geheimer Bitten wieder, als flehe sie ihn um Schonung an.