Der Herr nickt und zieht ein Fläschchen aus der Tasche, entkorkt es vorsichtig und schüttet ein paar Tropfen auf sein Taschentuch. Der penetrante saure Geruch macht das Tier zittern. Mit einer Hand hält er den schönen, schweren Kopf fest und drückt mit der andern das Tuch auf die Schnauze des Tieres. Es stirbt ganz ruhig und schmerzlos.
Er läßt es zu Boden gleiten, gerade vor die Türe, kniet nieder und küßt das lang herabhängende kühle, seidige Ohr. Dann geht er aufgestellten Kragens. Der Morgen ist sehr kalt.
* * * * *
Es ist eine Wohnung im zweiten Stock eines alten Hauses der inneren Stadt. Alte Wohnung in einem alten Haus einer alten Gasse. Die Wände des Treppenhauses sind frisch getüncht, aber die Stufen hoch und ausgetreten. Mürrischer, verrunzelter Stein. Er drückt auf den Knopf des elektrischen Läutewerkes, das störend und fremd wirkt. Noch fremder ein Gesellschaftstelephon in dem engen, wenig belichteten Vorzimmer, zu dem eine uralte, verdummte Magd die Tür öffnet.
»Die Exzellenz? Die gnädige Exzellenz seien nicht zu Hause, aber das gnädige Fräulein Tochter würden gewiß empfangen.«
Er tritt ein. Durch eine schmale Tür in unheimlich dicker Mauer. Die Luft des sehr hohen Zimmers ist bitter und staubig. Unter halb herabgelassenen Jalousien, zwischen halb zur Seite geschobenen schweren Stores bricht -- Staub auftanzen lassend -- graues muffiges Sonnenlicht herein. Wohin es fällt, Sammet, Teppiche, verblichene Seidenpölster, etwas fleckige Plüschmöbel, etwas blinde Spiegel, Bilder im Makartstil mit ausgegangenen Farben, vertrocknete Bukette in imitierten Vasen, kein Fuß Wand, kein Fuß Diele frei von Plüsch, Teppichen und Bildern. Und Nippes, Nippes in erschreckenden Quantitäten. Über einem breit ausladenden Kanapee ein stark gedunkeltes Porträt des Großvater-Feldzeugmeisters. Peinliche Erinnerungen an 59 und 66 steigen auf. Das Urbild des alten Generals -- Radetzkyschule -- der zehn Attacken reiten und keine Schlacht gewinnen konnte. Um ihn Türkensäbel und Reiterpistolen mit gezogenem Lauf malerisch gruppiert. Das Zimmer wirkt als Ganzes, als müßte sein bloßes Vorhandensein in dieser stillen Gasse und diesem ruhigen Hause durch furchtbare Ausstrahlung ungeahnter Kräfte lähmend auf allen Verkehr und alles Vorwärtskommen in hundert Quadratmeilen Entfernung wirken.
Secundus bleibt stehen und klopft leicht, gedankenlos, gewohnheitsgemäß den Staub aus der Lehne des riesigen, unheimlich tiefen Fauteuils, in den er sich dann setzen wird. Er vermag nichts zu denken. Das halbe Licht, die völlig staubgesättigte Atmosphäre, die verzeichneten Götter auf den antikisierenden Bildern üben selbstverständliche, erschlaffende Suggestion auf ihn aus. Jegliche Gefühlsregung muß mangels Resonanz in diesen Tapeten ersticken.
Betäubende Ruhe sinkt über ihn. Ekstasen, ungeheurer, tobender Gefühlsrausch verrieselt wie Sand, wird Moder, der vom Wind angeblasen zerstiebt.
In müder Gespanntheit hängen seine Blicke an sich öffnender Türe. »Das gnädige Fräulein« treten ein. Es ist schwarz gekleidet -- die Trauer um den verstorbenen Feldmarschalleutnant-Vater -- schlank, groß, edel, weiß und böse.
Die etwas schütteren Brauen leicht emporgezogen begrüßt sie ihn. Er verbeugt sich und spricht, scharf betonend, als richte er einen höheren Auftrag aus: »_Ich bitte Sie um Ihre Hand, Sabine._«
Beherrschtes Erstaunen erwidert seinen Worten. Aufflammender Blick wird mit wahnsinniger Selbstzucht niedergehalten, Mondkühle über das weiße Gesicht gebreitet. Nur die Nüstern beben gierig und bereit.
»Nehmen Sie Platz, Fürst.« Der sonst gebrauchte Vorname wird fallen gelassen, behutsame Konvention scheint am Platze. Das Niedersetzen, leichtes Überschlagen des rechten Beines, unmerkbares Glätten der Kleidfalten gewährt Gelegenheit, sich zu sammeln, die kreisenden Gedanken zu ordnen.
»Ich erbitte Ihre Antwort.«
»Sie fällt mir schwer. Nach Ihrem Benehmen erwartete ich kein Wiedersehen.« Kurzer sparsamer Aufblick kontrolliert die Wirkung.
»Warum?« Ekel und Stumpfheit. Worte. Unnütze Worte. Er kennt die Fechterpose drüben, will aber nicht fechten, schmeißt das Florett weg.
»Sie haben sich nach jenem Abend in der Loge nicht so benommen, wie man es Mädchen meines Kreises schuldig ist.«
Der Feldzeugmeister an der Wand!
»Sie haben, eine gewisse Neigung und ein vielleicht zu sehr geoffenbartes Vertrauen, das ich Ihnen entgegenbrachte, mißbrauchend, mich kompromittiert. Das liegt nun sechs Wochen zurück. Sie kommen spät.«
Ihre schöne, etwas harte Stimme reizt ihn unsäglich. Er wird brutal. »Nehmen Sie an, daß ich bis jetzt keine Zeit hatte.«
Sie öffnet haßvoll die ganz schmal gezogenen Lippen. Schweigt. Er hat sichtlich die Oberhand und beschließt, dies auszunützen.
»Sie können sich ja damit zufrieden geben, daß ich das Versäumte nachhole, Sabine. Im Übrigen bitte ich Sie, mich ruhig anzuhören. Absolute Klarheit zwischen uns scheint mir durchaus vonnöten. Ich stelle Bedingungen.«
»_Sie?_«
»Berechtigter Weise. Da Sie der empfangende Teil sind. Natürlich nicht, weil ich Ihr -- wie heißt das in französischen Schwänken? -- Ihr Gatte werde, Sie würden gewiß tausend bessere Männer finden, vielleicht wäre jeder andere besser für Sie, da ich Sie nicht liebe. Worauf es Ihnen aber ankommt, ist die soziale Position, der Reichtum, den ich Ihnen zu bieten habe. Die Luft dieses Zimmers ist schlecht für Sie, vielleicht nur für Ihren Teint, vielleicht auch für Ihre unsterbliche Seele. Sie müssen herrschen, umworben sein, ausstechen, niedermachen. Familientraditionen hindern Sie, Kokotte zu werden. Bleibt also nur die bekannte gute Partie, die Ihnen diese für Sie notwendige Atmosphäre schafft. Ich gebe sie Ihnen. Als meine Frau sind Sie -- Sie entschuldigen die Geschmacklosigkeiten, die ich als Argumente vorbringen muß -- eine der ersten Damen der internationalen Gesellschaft, mein Vermögen besteht aus etwa dreißig Millionen, zu einem Fünftel in durchschnittlich mit vier Prozent sich verzinsenden Latifundien, das Übrige in hochwertigen Konsols und Industriepapieren angelegt, das heißt, Sie verfügen als meine Frau über ein Jahreseinkommen von beinahe zwei Millionen. Das sind, wenn Sie es überlegen, zweifellos positive Werte, für die ich Gegenleistungen beanspruchen kann.«
Sie nickt, höhnisch und unsicher: »Worin würden diese bestehen?«
Er spricht ruhig und eindringlich: »In drei Stücken. Das erste: es kann zwischen uns keinen ehelichen Verkehr geben.«
Ihre Finger zerren an einem Taschentuch. Ihr Mund ist hochmütig und hexenhaft. »Sie kommen mir entgegen.«
»Umso besser. Ich bitte Sie nur, in dieser Forderung keine Beleidigung erblicken zu wollen. Es ist selbstverständlich, daß ich Sie begehre, es wäre lächerlich und kränkend meinerseits Sie das Gegenteil glauben machen zu wollen. Nehmen Sie also bitte an, daß es mir an der physischen Möglichkeit gebricht, diesem Begehren Handlungen folgen zu lassen.«
Sie lächelt, etwas versöhnt und etwas angewidert.
»Der zweite Punkt bezieht sich auf unsre Scheidung.«
»Daran haben Sie auch schon gedacht?«
Er verbeugt sich zustimmend: »Sie werden sich vertraglich verpflichten, Sabine, mir jederzeit, wann immer ich Sie darum ersuchen sollte, die Scheidung zu gewähren. Natürlich nehme ich für diesen Fall das Verschulden auf mich und Sie erhalten als Abfindung ein Drittel meines Vermögens, das ich zur Sicherstellung heute noch auf Ihren Namen überschreiben lasse.«
»Zehn Millionen?« Sie ist besiegt und vergißt fast das Gegenteil zu posieren.
»Die Ihnen, der freien Frau, dann vollkommen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Sie können sofort den hierauf bezüglichen Vertrag beim Notar unterzeichnen. Er hat ihn bereits aufgesetzt, natürlich vorläufig ohne Kenntnis Ihres Namens.«
»So sicher waren Sie?«
»Der dritte Punkt wird Sie vielleicht etwas in Erstaunen setzen.«
»Nach diesen beiden kaum.«
»Eigentlich nicht gerade eine Bedingung. Eher eine Bitte. Ihrer Freundin, Frau Kathrin Nhilius, als der ersten Ihre Verlobung telephonisch mitzuteilen.«
Sie hebt sich schroff auf, mißt ihn, erschrickt vor dem Blick, der ihren erwidert. »Ach so, das ist der Sinn? Warum haben Sie die Pointe so lange aufgespart? Abgefallen? Und für die kleine Rache, die vielleicht keine ist, eine Ehe und zehn Millionen? Sie sind großzügig in Ihrer Kleinlichkeit.«
»Nehmen Sie es an. Ich habe nichts zu entgegnen. Willigen Sie ein?«
Sie zaudert. Schließt die Augen. Eine Unterschwingung in seiner Stimme macht ihr Angst. Etwa die Angst einer Dirne, die sich mit einem Manne zu gehen entschließt, den sie für einen Lustmörder hält. Grauen, Lust und Angst. Ganz leise, wie eine Liebkosung fast, kommen ihre Worte zu ihm: »Sie sind eigentlich schlechter, Secundus, als ich mir's in diesen sechs Wochen ausgerechnet habe.«
»Sie nicht besser, Sabine, als ich es annahm, da ich Sie zu meiner Frau wählte.«
Sie zuckt, als hätte er ihr mit einer Rute über die Augen geschlagen: »Ich werde telephonieren.«
Er küßt ihre schmale, entartete Hand: »Fürstin!«
* * * * *
Aber dann, da das Brausen des steinernen Meeres, eingefangen in der mißtönenden Muschel, an sein Ohr schlägt, da Ruf und Gegenruf sich antworten, Laute aus Lärm sich ballen und endlich aus schwarzen Wogen Getöses ein nackter, blendender Engel ihre Stimme steigt und elektrische Wellen die Todesbotschaft an ihr unbereites Ohr schwingen, läßt er den Hörer fallen und entstürzt, von wütendem Grausen geschüttelt, die abgetretene Treppe hinab.