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Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft geregelt hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben dringlich zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen Geschäftsfreund getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen Oberhof- und Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen Kurfürsten von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und anstrengender Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem Badeort ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit nach Wildbad zu gehen.
Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß. „Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“ konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak Landauer. Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, ehemaliger Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter, phlegmatischer Mensch, den er in Mannheim während seiner Tätigkeit in der Kanzlei des Advokaten Lanz kennengelernt hatte und den er, den Vielverwendbaren, seither für seine persönlichen Dienste auf alle Reisen mitnahm.
Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan, schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war, ein Jagdhorn und ein S darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht hätte, von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine Verbindungen reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des Kaisers, bis zu den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der Levante bis zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten, die die Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche, schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten. Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft gekleidet, saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes Detail der Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem Schleier lag.
Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock, silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus den großen, rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die neue Generation. Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, die Löcher der Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, Schmutz, Verfolgung, Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. Und Prunk, Weite, Willkür, Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur ganz wenige, drei, vier andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie, übersah bis ins Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des Regiments über die Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für die Zusammenhänge, und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen Wissen um die feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte, es gab nur Eine Realität auf dieser Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben und Tod, die Tugend der Frauen, die Macht des Papstes, zu binden und zu lösen, der Freiheitsmut der Stände, die Reinheit der Augsburgischen Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten, die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit, Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer, wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit lenken, konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines, seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche Erörterungen und war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die derartige Dinge mit elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis kümmerte er sich nicht darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den Sabbat wie den Werktag: aber in Tracht und Aussehen klammerte er eigensinnig an dem Ueberkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner Haut. So trat er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war das andere tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, auch in Kaftan und Haarlöckchen.
Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.
Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute neugierig und geruhig zu, wie und wohin.
Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig, das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit. Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an, mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem dummen, gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der Rat Etterlin aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen kannte, mit einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht, die Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und ihre Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen. Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s überleben.“
Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine Eidechse vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen Rockelor, forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu häufen, das Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, wenn man es nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende Kleider, Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht zeigte? Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn! Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser, gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter, der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen Kaiser darauf pochen können: wenn jetzt gegen die Türken die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so war des er, der Jud Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die kaiserliche Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur nicht in alberne Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen Diener und Kompliment gemacht.