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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so: ~gesperrt~, =fett gedruckte= so und kursiv so.
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Die Flucht der Beate Hoyermann
Die Flucht der Beate Hoyermann
Roman
von
Thea von Harbou
9.-20. Auflage
Stuttgart und Berlin 1916 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+A. g. XIII.+
Alle Rechte, inbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Für die Vereinigten Staaten von Amerika: Copyright, 1916, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger. Stuttgart und Berlin
Der geliebten Mutter meines Mannes
1
»Hai --! Hai --! Haiiiii --!!«
Der Kuli vor Beates Jinrikisha schrie wie eine Dampfpfeife, als er in vollem Trabe um die Ecke bog und im Menschengewühl der Hauptstraße untertauchte.
Für europäische Begriffe schien es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, mit einem Jinrikisha in diesen Strom von gelben, hageren, behenden Leibern, blauen verwaschenen Kimonos und runden Strohdeckeln auf glattgeschorenen Schädeln hineinzujagen, ohne daß ein Unglück geschah; und Beate öffnete schon den Mund, um ihrem zweibeinigen Pferd ein »Mate! Mate! -- Halt! Halt!« zuzurufen.
Aber das gellende »Hai -- haiii --!« des Kulis und die gleichmütige Unbeirrbarkeit seines Trabens machten die Menschen vor ihm auseinanderspritzen wie Wassertropfen vor einem Hunde, der in den Fluß geht.
Nein, sie nahmen ihm seine Rücksichtslosigkeit auch nicht übel. Er war im Dienst, der Wackere -- wie hätte er anders handeln können?
Er hatte die Ehre -- eine unverdiente, ganz gewiß, aber eine unbestrittene --, die verehrungswürdige Gemahlin des fremden weißen Mannes zu fahren, der seit einigen Monaten auf der kleinen Insel wohnte -- auf der kleinen Insel, die, einer schönen, alten Sage nach, »Garten des Freundes« hieß.
Von dem Augenblick an, da der fremde weiße Mann mit seiner ehrwürdigen Gemahlin den Fuß an dieses Ufer gesetzt hatte, war Akira ihnen auf den Fersen geblieben -- er und noch ein anderer, den Akira unendlich verachtete.
Dieser andere war dem fremden weißen Manne fast gegen die Kniekehlen gefahren, der Zudringliche. Er hatte ihn mit Lächeln und Verbeugungen genötigt, seinen -- nur seinen Jinrikisha zu benutzen! Der Ehrwürdige möge geruhen, einzusteigen -- er bot ihm den besten Jinrikisha von ganz Nippon und seine elenden Dienste an, und die Götter sollten ihm die Stunde seines Todes vergiften, wenn er nicht bereit war, für den Ehrwürdigen so oft sein Leben einzusetzen, als es ihm belieben würde, das zu verlangen.
Er, Akira, stand daneben und hörte Mosakus Geschwätz mit dem innigen Wunsche, ihm dafür seinen traurigen Jinrikisha in Stücke schlagen zu dürfen. Aber der weiße Mann ließ sich von Mosakus Redesturz überwältigen; er lachte und stieg ein, während die erlauchte Gemahlin in Akiras Wagen Platz nahm.
Als ehrgeizige Nebenbuhler, die sie waren, begannen Mosaku und Akira ein Wettrennen, daß die flachen Strohdeckel auf ihren kahlen Köpfen hüpften und tanzten, daß ihnen der Schweiß in Strömen von Armen und Beinen floß. O, sie wollten schon zeigen, was sie konnten -- hai --!
Seit jenem Tage waren Monate verflossen; aber Akira und Mosaku haßten sich noch immer mit der gleichen Inbrunst, bewachten die Schritte der erlauchten Fremden mit den Augen der Gabelweihe und kannten keinen größeren Triumph, als wenn es einem gelang, dem anderen zuvorzukommen und ihm den Stammgast wegzuschnappen, wenn der weiße Mann oder seine ehrwürdige Gemahlin einmal allein gefahren zu werden wünschte.
Beate hatte in den ersten Wochen niemals gewußt, wer von den beiden Gegnern dem anderen durch größere Geschwindigkeit zuvorgekommen war und in schnellstem Trabe mit ihr davonsauste, sobald sie den Fuß aus dem kleinen Boot mit dem Drachensegel ans Land gesetzt hatte. Die japanischen Gesichter erschienen ihr anfangs alle gleich in ihrer gelbbraunen Blässe, den dunklen, ein wenig schrägen Augen über den starken Backenknochen und mit dem höflichen -- unverwirrbar höflichen -- Lächeln.
Erst allmählich lernte sie die Menschen aus dem Volke herauszuschälen und sich der fremden Seele näherzutasten; und obgleich sie auf den erdumfassenden Reisen mit ihrem Manne die Menschenseele schon in Häuten jeder Färbung verkleidet gesehen, hatte sie doch niemals so sehr das Gefühl des Fremden, gänzlich Unverwandtschaftlichen gehabt wie vor den Vertretern der gelben Rasse.
Sie hatte das englisch-japanische Wörterbuch im Schoße liegen und plagte sich mit den geschmeidigen Zahlen: »+Ichi-mai, yo-mai+ -- nein! +Ichi-mai, ni-mai, sam-mai, yo-mai, go-mai+ ... na? ... -- +roku-mai, shichi-mai+ ...«
Sie hatte stets ihren Ehrgeiz darein gesetzt, sich mit der Sprache des Landes, in dem sie sich längere Zeit aufzuhalten gedachten, vertraut zu machen.
Als ihr Mann sich um den Residentenposten in Deutsch-Ostafrika bewarb, lernte sie auf Tod und Leben Kisuaheli und liebte diese ritterliche und liedhafte Sprache samt allen Rauheiten ihres arabischen Einschlags. Und als sie so weit war, daß sie dem würdevoll auf der Boma -- der Festung -- erscheinenden Häuptling des nächsten Dorfes selbst für seinen Ehrenhammel verbindlichst zu danken vermochte und ihn, der die Türe nicht wiederfand, höchstselbst hinauszuwerfen sich unterfing -- als sie die kleinen, zwitschernden Liebeslieder ihrer schwarzen Zofe selber singen konnte und die nachdenklichen und neckischen Sprichworte dieser Menschen durchdacht hatte, da war für sie ein Weg gefunden zu der fremden Rasse, den sie gehen konnte, so oft sie die Laune trieb -- und sie war ihn oft gegangen.
Denn es lag die angeerbte Würde tausendjährigen Blutes in der Art, wie ihr Ardili, der arabische Diener, die Obstschale mit den grünen Orangen und den roten Bananen darbot, als übe er einen uralten und feierlichen Opferbrauch.
Und es lag die ganze unendliche Sehnsucht derer, die immer wandern, in dem schwermütigen Spruch, mit dem der traumkundige Ibrahim ben Massud sie warnte, vom Wasser des Nils zu trinken.
»Denn wer von diesem Wasser trinkt, Herrin, und geht aus dem Lande, in dem es fließt, der muß wiederkommen, oder die Sehnsucht tötet ihn ...«
Sie liebte diese Ururenkel eines Herrenvolkes, das mit dem Gestampf seiner Herden und dem Gebrüll seiner Kriegshörner die Erde beben gemacht hatte und Paläste baute, um die noch nach tausend Jahren die Kasuarinen ihre wundervoll geschwungenen Zweige anbetend senkten.
Sie liebte sie, wie sie edle Bronzen liebte, Heldensagen und fremdartige Tiere -- mit jener beschaulich entzückten, unwachsamen und eben darum etwas hochmütigen Liebe des Genießenden gegenüber dem Geschöpf, das nichts von ihm zu fordern hat.
Aber sie sollte nicht Wurzeln schlagen in der afrikanischen Erde.
Eines Tages kam ihr Mann von einem kurzen Marsch ins Innere des Landes zurück und hatte das Fieber in jedem Blutstropfen. Das beizte ihm das Weiße in den Augen gelb.
Sie schlug sich mit dem Fieber wie eine verwundete Löwin.
Als der Arzt der Station kam, um nach dem Kranken zu sehen, fand er an dessen Bett eine Frau, die sehr entschlossen schien, den Tod, der nach dem flatternden Herzen ihres Mannes greifen wollte, einfach in die Hand zu beißen.
Ja, das wollte sie. Aber der Tod brauchte seine Hände anderweitig und ging davon.
Und als sie das begriffen hatte und ihres Sieges gewiß war, fiel sie um -- schlug mit ganzem Leibe zu Boden und hatte ein freundliches und sehr zufriedenes Gesicht dabei.
Als sie wieder aufwachte, saß ihr Mann an ihrem Bette und hatte einen Brief in der Hand; den gab er ihr, als sie wieder vernünftig denken konnte.
Der Brief war vom Gouverneur und lautete:
»Lieber Hoyermann! Jetzt sind Sie so freundlich und kommen um einen sehr langen Erholungsurlaub ein, oder der Teufel holt Sie. Kerle wie Sie kann ich nicht entbehren, wenn es einmal darauf ankommt! Augenblicklich kann ich's. Also, machen Sie, daß Sie fortkommen und verfügen Sie sich in eine Gegend, die fieberfrei ist. Möglichst weit weg von dieser gesegneten Landschaft. Ich habe große Pläne mit Ihnen, lieber Hoyermann. Das wissen Sie. Und ich habe nicht die Absicht, mir diese durch eine so abgeschmackte Lächerlichkeit, wie ein Sumpffieber es ist, zerstören zu lassen. Stellen Sie einstweilen einen tüchtigen Maat auf Ihren Posten und packen Sie schleunigst Ihre Koffer. Grüßen Sie mir Ihre tapfere Frau; ich hoffe, Sie beide bald in Daressalam zu begrüßen ...«
Und sie hatten die Koffer gepackt.
Nicht gern -- o nein! nicht gern ... Aber es war ja kein Abschied auf immer. Sie würden wiederkommen, ganz gewiß ...
Und auf der Heimfahrt hatten sie Pläne geschmiedet, hatten mit halbem Leibe über sämtlichen Länder- und Meerkarten der Erde gelegen und den Globus vor sich um seine Pole tanzen lassen.
Sie wollten die Zeit, die ihnen pflichtenlos gehörte, ausnutzen -- die Erde kennenlernen und ihre Menschen zwischen Norden und Süden.
Nach kurzem Aufenthalt in der Heimat hatten sie sich in Hamburg eingeschifft und waren zu den Jagdgründen der Rothäute gefahren.
