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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Sofern der Sinn dadurch nicht verfälscht wird, wurden fremdsprachliche Ausdrücke so belassen wie vom Autor formuliert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter erstellt. Seiten mit Buchwerbung wurden am Ende des Bandes zusammengefasst.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ unterstrichen: Unterstriche
Im Sachregister (hier ‚Sachweiser‘ genannt) wurden Begriffe mit den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht separat angegeben, da in Frakturschrift zwischen diesen nicht unterschieden wird. In der vorliegenden Fassung werden die Begriffe jedoch getrennt aufgeführt.
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~KOSMOS-BÄNDCHEN~
~URWALD~
Urwald
Von R. H. Francé
Mit einem farbigen Umschlagbild von Rud. Oeffinger nach einem Original des Verfassers und 19 Abbildungen
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
Nachdruck verboten Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten
~Copyright 1928 by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart Printed in Germany~
Druck von Holzinger & Co., Stuttgart
Inhalt
I. Ankunft in den Tropen 5
II. Wo gibt es noch Tropenurwälder? 6
III. Der Anblick der Wälder Indiens 12
IV. Die Urwälder Australiens 27
V. Die Tropennatur auf den Südseeinseln 39
VI. Der Amazonaswald 56
VII. Das wirkliche Bild der Tropennatur 64
Anmerkungen und Erläuterungen 71
Sachweiser 76
I. Ankunft in den Tropen
Seltsam ferner Duft, der aufsteigt aus alten Erinnerungen von Reisefieber und Naturschwärmerei, immer noch, wenn der Blick auf gewisse Worte fällt, wie Tropenurwald oder Südsee oder Ceylon und Amazonenstrom. Wer hat nicht mit glühenden Wangen und still verbissenem Sehnsuchtsneid davon gelesen in alten und neuen Büchern und sich gewünscht, auch einmal diese Zauberländer der Natur betreten zu können, das Urwalddunkel, in dem Untiere lauern, aber die herrlichen Orchideen auf den Bäumen brennen, das unschuldige Paradies der Südseeküsten, wo im heiter-kindlichen Spiel schöne braune Menschen unter Kokospalmen Blumenkränze flechten und auf Schritt und Tritt unbekannte Wunderdinge ihres Entdeckers harren?
Vierzig Jahre lang habe ich so gelesen und gelernt über den Tropenurwald und die Tropenwelt und mir ein Bild gemacht aus hundert Werken, die in langer Reihe auf meinem Bücherschrank stehen, angefangen von +Cooks+ und +Chamissos+ Reisen, von +Humboldts+ Aequinoktial-Amerika, +Bates+’ Naturforscher auf dem Amazonenstrom, +Martius+ und +Stanley+, +Junghuhn+, +Ransonnet+ und +Haeckels+ Insulinde, bis zur botanischen Tropenreise von +Haberlandt+, den gelehrten Werken von +Schimper+, +Karsten+ und +Winkler+. Bis dann endlich nach vierzigjährigem Warten ein Morgen kam, an dem am silberigen Himmelsrand vor mir ein blauer Riesenberg aus dem Meer tauchte. Ganz spitz und zackig aus einem Gewirr von Gebirgen und alle Gipfel zusammenschwebend über einer luftigen Wolke. Und ich wußte, an diesem Morgen, nach achtzehntägiger Seefahrt, das ist der Adams-Pik auf Ceylon. Und dieser ferne feine Blumenduft, der da auf einmal herüberwallt über die Salzflut, das sind indische Düfte. Und das Heer der schönsten gelben, himmelblauen, dunkelsamtgrünen Schmetterlinge, die nun plötzlich das Schiff überfallen, so zahm und matt, daß man sie mit Händen greifen kann, das sind die Tropenfalter der Urwälder, die da langsam und feierlich am Himmelssaum emporsteigen. Wahrhaftig, da stehen Kokospalmen, dieses echteste Kind der Tropen, ein ganzer goldiggrüner Saum, jetzt unermeßlich viel, ein Kokospalmenwald, und wenige Stunden später stehe ich drin klopfenden Herzens, und vor Ergriffenheit steigt mir das Wasser in die Augen, die blühende Lotusblumen vor sich sehen und Lianen und den heiligen Hain des ersten Banyanbaumes, starr und feierlich wie ein Tempel mit den hundert Säulen seiner Stämme, zwischen denen tiefbraune Singhalesen lagern, bunt und märchenhaft ..... Und der erste Blick auf die endlich erlebte Tropennatur sagt mir, was dann hundert andere Erfahrungen in Indien, in Australien, auf den Südseeinseln, im Tropenwalde Zentralamerikas immer wieder bestätigten: Alles ist anders, als ich es mir vorgestellt habe; in den Büchern war noch nie ein lebendiges, künstlerisch wahres Bild der Tropenwelt enthalten. Man muß alles selbst erleben, um es wirklich zu kennen. Und von diesem Tag an beginnt, trotz allem, was ich weiß, für mich doch ein neuer Welt- und Naturbegriff.
Ihn will ich versuchen, hier wiederzugeben, soweit er sich auf den Wald der tropischen Länder bezieht. Ein erlebtes Bild des Tropenurwaldes, wie ich es sah.
II. Wo gibt es noch Tropenurwälder?
Viele von der Naturzerstörung in unserer Heimat schon kleinmütig Gewordene meinen, es gebe vielleicht überhaupt keine Natur mehr, wie sie +Humboldt+ am Amazonenstrom oder +Junghuhn+ in Java sah. Java heißt nicht umsonst die sterbende Insel. Sie verweisen darauf, daß heute im Zeitalter des Weltverkehrs Vergnügungsdampfer den größten aller Ströme befahren und die entlegensten Orte, wie Rio de Janeiro in Brasilien oder Habana auf Kuba, Weltstädte geworden sind mit Wolkenkratzern, Trambahnen, Riesenhotels und Fremdenbüros. Daß in Manaos im Herzen des geheimnisvollen Amazonaslandes ein Opernhaus steht, und in Singapore ein wunderbares Museum, daß man durch ganz Afrika jetzt mit +Cooks+ Reisebüro auf der Bahn fahren kann und daß Kinos in den Negerdörfern spielen.
Das ist alles richtig, und ich kann aus eigener Erfahrung hinzusetzen, daß man überall, auch in den entlegensten Teilen der Insel Ceylon -- viel mehr noch in Indien selbst -- gewärtig sein muß, auf eine herrschaftliche englische Villa zu stoßen, daß es auf Südseeinseln, deren Namen in Europa kaum gehörte Worte sind, wie Viti Levu oder Raratonga, Städte gibt, daß man dort, wo noch +Humboldt+ unter Lebensgefahr durch unwegsamen Sumpfwald in Zentralamerika zog, heute Golf spielt und im Clubhouse Radiomusik hört --, und trotzdem ist die Erde noch erfüllt von Einsamkeit, unentdeckten Ländern, Völkern, Inseln, Urwäldern, Köstlichkeiten, so frisch und unberührt, als wäre es noch die Zeit der Schreckenstiere und Braunkohlenwälder, und die ersten Menschen zögen furchtsam zum erstenmal durch ihr Land der Wunder.
Wenn einer mit Naturforscheraugen um die Erde gefahren ist, so hat er zwar zunächst nicht den Eindruck, als sei die alte Kugel gerade waldgrün. Im Gegenteil, er muß sein Urteil dahin zusammenfassen: Wasser ist sie und nochmals Wasser, und die Länder darin sind meistens Wüsten. Man erinnere sich, wie merkwürdig öde die Erde schon vom Flugzeug aus wirkt. Daß ihr Gesamtbild da mehr Grau und Gelb, denn Grün ist, wenn man nur erst einmal von tausend Meter aus auf sie herabschaut. Ich habe die ganz bestimmte Vorstellung, daß die Erde, etwa vom Mond aus gesehen, hauptsächlich zweierlei Anblicke bietet. Einmal ist sie blaugrün. Dann sieht man auf die Wasserhalbkugel etwa mit der Inselwelt Polynesiens als Mittelpunkt. Das anderemal ist sie rotgelb wie der Mars, den man ja auch deshalb für einen Wüstenstern hält. Dann sieht man auf die Landhalbkugel, und auf ihr überwiegen die großen Wüsten der Sahara, von Südafrika, Arabien, Persien, die Steppen und Wüsten, die den Russen und Mongolen gehören, alles andere.
Der Großteil aller Länder ist Wüste und Steppe. Nur Europa ist grün, so wunderbar grün und üppig, daß man ganz bezaubert ist, wenn man aus den andern Weltteilen zurückkommt. Und noch ein Weltteil ist grün: die heißen Gegenden Amerikas. Dort, in der ganz ungeheueren einstigen Meeresbucht, die heute von den Anschwemmungen das Amazonas und Orinokos ausgefüllt ist, erstreckt sich das größte Waldgebiet der Erde. Es ist so ausgedehnt, daß man ganz Europa samt dem Koloß Rußland darin verstecken könnte, und alle die Urwälder Indiens, der großen Sundainseln, sogar der riesige Kongourwald Afrikas schrumpfen dagegen zusammen. Dieses Waldgebiet hat an Ausdehnung nur zwei bekannte Rivalen. Das sind die riesige Nadelholzwildnis von Kanada und Alaska in Nordamerika und der ungeheure Tannenwald, der sich von Rußland durch ganz Sibirien bis an den Stillen Ozean erstreckt. Diese beiden sind aber kein Tropenwald, und so mag man dem Amazonaswald die Krone reichen. Denn er ist auch noch jungfräulich und in reichlich drei Viertel seiner Gründe vom Weißen auch unerforscht. Nur in ihm und um ihn herum sind alle fünf Möglichkeiten entwickelt, in denen Tropenwälder auftreten können. Da ist zunächst der +Regenwald+, der eigentliche Urwald, den die zahllosen Reisebeschreibungen meinen, wenn sie ohne Sachverständnis vom Urwald sprechen. Neben ihm nicht weniger entwickelt grünen die +Galeriewälder+, die in der Tropenwelt die Flüsse begleiten und weniger von dem Klima als von dem Grundwasser grün erhalten werden. Alle großen Ströme der heißen Zone in allen vier Erdteilen, die in Betracht kommen, der Niger und der obere Nil so gut wie der Brahmaputra und Mekong, der Orinoko und Magdalenenstrom, der Flinders und Mitchell in Nordaustralien sind von solchen +Galeriewäldern+ begleitet, die zu den üppigsten der Erde gehören, weil sie in Wasserüberfluß schwelgen. An sie schmiegt sich überall dort, wo in den Flüssen sich noch der Einfluß von Flut und Ebbe bemerkbar macht und Salzwasser eindringt, ein besonders merkwürdiger Waldgürtel, den man mit einem englischen Wort: die +Mangrove+ (sprich Mängro) nennt, das gefürchtete und unheimliche Land der Moskitos und Fieber, dessen Bäume sich alle dadurch auszeichnen, daß sie „lebendig gebären“, d. h. nicht Früchte, sondern schon entwickelte junge Pflanzen von sich abwerfen.
