»Ich verstehe deine Scherze nicht, lieber Karstens!«
»Wer hat denn diesen herrlichen Einundzwanzig-Spieler mitgebracht? -- Du!«
»Das ist nicht wahr, Karstens!«
»Ludwigstraße 35, mein Teurer! Rasch!«
»Natürlich haben Sie ihn hergebracht, Hull,« sagte ein anderer.
»Ich? Ich? Ich erinnere mich jedenfalls nicht mehr. Es kann sein.«
Hull zog sich dann zurück, erschlafft, erstaunt, grübelnd über das Rätsel, das dieser Abend so unerwartet und brutal über ihn geworfen hatte.
Gegen Morgen, als er einmal erwachte, kam ihm eine blasse, rasch vergehende Erinnerung, als ob der fremde alte Herr an einem Tisch im Café Bastin mit ihm gesessen und als ob sie zusammen gesprochen hätten, und zwar über das Theater. Aber was sie gesagt, wußte er nicht mehr, noch über welches Theater gesprochen wurde. Das dunkle Gewebe seines Hirns hielt nur noch die blitzende Empfindung eines schrillen Scheinwerfers fest, der ihn während des Gespräches bestrahlte. Er bohrte sich, nicht mehr zum Schlaf kommend, hinter den grauen Fetzen dieser Erinnerungen her; aber mehr bekam er nicht mehr zusammen.
* * * * *
Das Erlebnis gewann nicht an Klärung durch das, was Hull am Nachmittag des dem Spieltag folgenden Tages widerfuhr.
Er hatte bis vier Uhr die 20000 Mark flüssig gemacht und brachte sie ins Hotel Excelsior.
Man telephonierte ins Zimmer Nr. 15.
Herr Balling sei da, hörte Hull, und bitte um die Karte des Herrn. Die gab er und fuhr bald hinauf.
Mitten im Zimmer Nr. 15 stand ein Mann, den Hull in seinem Leben noch nicht gesehen hatte. Ein kleiner, dicker, glatt rasierter Mann mit amerikanischen Zügen. Er machte auch eine puritanische Verbeugung.
»Ich bin wohl falsch geführt worden. Verzeihen Sie!« sagte Hull zu ihm. »Ich wollte ins Zimmer Nr. 15.«
»Da sind Sie!« antwortete der andere.
»Dann hat Herr Balling mir eine fremde Nummer aufnotiert.«
»Ich heiße Balling!«
Diesmal träume ich nicht. Ich bin ganz bei Sinnen. Ich spiele nicht einundzwanzig, sagte sich Hull und fuhr dann laut redend zu dem Fremden fort: »Aber das Rätsel wird sich ja gleich lösen. Haben Sie dies geschrieben?«
Er hielt Balling sein Notizbuch hin, in das der Fremde von gestern Abend Namen und Adresse eingetragen hatte.
»Nein!« antwortete der Dicke.
»Dann bin ich Ihnen auch nicht beim Einundzwanzig 20000 Mark schuldig geblieben?«
»Meine Zeit ist kurz bemessen. Ich erwarte einen Geschäftsfreund,« sagte der Dicke und zog seine Uhr.
»Ich überlasse Sie sofort Ihrem Freund, mein Herr, und bitte nur noch eine Frage stellen zu dürfen. Es ist nicht meine Schuld, daß ich Sie belästige. Ich bin irgendwie irregeführt worden.«
Der andere nickte.
Hull fuhr fort: »Ist Ihnen dann vielleicht ein Herr bekannt, der große graue Augen hat, etwa sechzig Jahre, weiße Favorites, grauer Zylinder, elegant diskret gekleidet, große Nase, und der auch Herr Balling heißt?«
»Ich kann Ihnen immer nur nein sagen!« antwortete Balling von Zimmer Nr. 15.
Da empfahl sich Hull. Er fragte unten, ob nicht ein zweiter Herr Balling im Hotel wohne?
Nein!
Ob Zimmer Nr. 15 nicht vielleicht von einem inzwischen verreisten Herrn Balling ...?
Nein!
Ob die Schrift hier bekannt sei?
Nein!
Zum ersten Male in meinem Leben kann ich eine Spielschuld nicht an den Mann bringen, sagte sich Hull, als er das Hotel verließ.
Allmählich aber wurde er unruhig.
Welche geheimnisvollen Zusammenhänge! So etwas war ihm nie geschehen. Er hatte gewonnen ... verloren ... viel und wenig. Er war in Geldnöten gewesen. Er hatte Pech mit einem Mädchen gehabt. Er hatte sich einmal seriös auf Pistolen geschossen. Aber das konnte man alles mit der Hand greifen sozusagen ...
Doch diese Geschichte mit dem Herrn Balling und den 20000 Mark flatterte immer irgendwie hinter einem. Er hatte vergessen, daß er selber den Fremden in den Klub gebracht. Er hatte gespielt, als habe er den Kopf in einem Sack. Er war 20000 Mark schuldig geblieben; der andere gibt eine Adresse an, die zwar besteht, aber nicht die seinige ist, und auch das Geld will er nicht haben ...?
Wenn nicht Hull gerade ohne Geliebte gewesen wäre, so hätte er sich mitteilen können. Nun fraß er es in sich hinein, während er über den Lenbachplatz und die Promenade hinaufschlenderte und allen Menschen ins Gesicht schaute, ob nicht vielleicht zufällig der alte vornehme Herr unter ihnen komme. Er ging ins Café Bastin und schaute jedem, der dort saß, unter die Nase. Er setzte sich hin und wartete darauf, ob nicht vielleicht, wie er sich sagte, der ^genius loci^ seinen Erinnerungen unter die Arme greife.
Aber es endigte alles in einem wüsten Durcheinander. Er fand sich immer weniger zurecht und bekam allmählich mit einer kleinen, aber zähen Beunruhigung zu tun. Es war ihm, als liefe unsichtbar neben ihm eine zweite Kraft, die mit ihm nichts zu tun hatte, als daß sie darauf drang, auf ihn aufzuhocken wie ein Affe und ihn zu irgendwelchen bösen Abenteuern zu führen.
Hull drückte sich daran vorbei, in seine einsame Junggesellenwohnung zu gehen. Da traf er Karstens. Er rief ihn erleichtert an.
Aber Karstens fragte:
»Nun, ist dir die Erinnerung gekommen?«
»Mein Lieber, mir geht es böse!«
»Mit den 20000?«
»Da sind sie!« Er klopfte auf die Brusttasche. »Nein, die will keiner haben, denke dir. Im Zimmer Nr. 15 im Excelsior wohnt ein Herr Balling, aber es ist nicht der meinige. Wir haben uns nie gesehen. Er hat nie Einundzwanzig gespielt, und niemand ist ihm 20000 Mark schuldig. Ich werde die 20000 Mark nicht los! Aber dafür bekomme ich das Gruseln. Es geschieht etwas mit mir. Wer ist um mich? Und ich sehe ihn nicht! Mit mir wird es noch böse gehen!«
»Auf in den Klub! Vielleicht kommt dein Herr Balling, sich heute sein Geld selber holen!«
»Und der wirkliche Herr Balling von Zimmer 15 im Excelsior?«
»Ja, Mensch, du hast Sorgen! Ich gestehe dir's zu. Komm!«
»Gut! Vielleicht kommt er.«
Abends im Klub kam es nicht zum Spiel. Der Fall regte die Phantasien dermaßen auf, daß niemand den Pfeffer des Hasards nötig hatte. Man überhäufte Hull mit dummen oder gleichgültigen Ratschlägen.
»Emil,« fragte einer den Diener, »wie war denn sein Auto?«
»Förstklassig, Herr Baron, etwa ein Zwanziger zumindest, geschlossen, elegant, eine Karosserie wie die Wiege eines Kronprinzen, wenn man diesen Vergleich heute noch machen darf, so ... gerundet, geschweift, so ... so ... Er setzte mit einem Sprung von fünf Metern an und fort war er. Seine 24 hatte der Wagen. Aber auf die Finger habe ich ihm geschaut, wie er das Sauglück gegen den Herrn von Hull gehabt hat. Reinlich gespielt hat er.«
Mehr erfuhr man nicht über den Fremden. Es meldete sich niemand weder im Klub noch bei Hull, um die 20000 Mark einzukassieren oder Revanche zu geben.
Hull lernte tagsdarauf ein Mädchen kennen, das in der Bonbonniere Grotesktänze aufführte. Sie war halb mexikanischer Abstammung, sagte sie. Sie beschäftigte ihn sofort in ausgiebigem Maße, lenkte ihn ab, und bei ihr befreite er sich rasch vom Druck der 20000 Mark, die er nicht an den Mann bringen konnte.
»Es war halt bestimmt, daß du sie an die Frau bringen solltest,« sagte ihm Karstens, als er diesen von der wieder zurückgekehrten Sorglosigkeit unterrichtete.
II
Etwa vierzehn Tage später waren die Kreise der Menschen, in denen das Leben des Tages nur ein langweiliges Verplempern von Zeit ist, vor Anbruch der Stunde des Spiels, in der die Nerven aus dem Blut Spannung, Leben und Kraft pumpen, mit der Märe eines Fremden erfüllt, der, wo er in einen Spielsaal eindrang, sich mit Geld belud.
Es war immer ein anderer. Es war bald ein junger Sportsmensch, bald ein gesetzter Provinzpapa, bald ein blondbärtiger, wie ein Künstler zurechtgemachter Mann, bald ein entsprungener Raubmörder ... bald ein entthronter Fürst ... heute Franzose, morgen aus Leipzig ... er verschob im Nebenberuf Steinkohlen von der Saar über die Schweiz nach Bayern oder machte Valutageschäfte mit Neuyork und Rio de Janeiro. Es war immer ein anderer, aber die Phantasie legte die verschiedenen Bilder übereinander und machte eines daraus.
Geschlossene Gesellschaften gab es ja nicht mehr. Das Geld war ein Schlüssel auf alle Schlösser, ein Pelzmantel bedeckte jeden Beruf, wenn man ihn anhatte, und eine Brillantennadel überstrahlte jeden Charakter. Man kam, in welche Gesellschaft man wollte.
So war keiner mehr vor dem anderen sicher, und in jeder Gesellschaft wurde der Sagenhafte, wurde der Glücksspieler an jedem Abend erwartet und gefürchtet. Jeder Nachbar konnte es sein.
Bei den Behörden liefen Klagen über räuberische Spieler ein. Es konnte ihnen wohl in keiner Weise Falschspiel nachgewiesen werden. Aber ihr Glück im Spiel war derart, daß man nicht glauben konnte, es ginge von allein.
Hull kam jetzt durch die Dame aus der Bonbonniere in mehrere Gesellschaften, in denen gespielt wurde. Er hörte viel von dem Spielräuber und von verschiedenen Seiten, denn die Kulissenleute beschäftigten sich gern mit solchen Erscheinungen, die, wie ihr eigenes Leben, den Rahmen des ans Alltägliche Gebundenen sprengten, und waren bedacht, es ins große Phantastische, aus unheimlichen Kräften sich Nährende abzuschieben.
Aber Hull hatte einen kleinen, alltäglich gescheiten Kopf. Er dachte wohl noch immer an die Geschichte seiner 20000 Mark, jedoch mehr von dem heiteren Punkt aus, daß er sie nach einer radikal anderen Richtung untergebracht hatte als derjenigen, zu der sie bestimmt gewesen waren. Er wußte heute, wo er sich gänzlich von dem Vergessen-Spuk befreit hatte und immer mehr zur Überzeugung gekommen war, seine Freunde hätten ihm mit jener Nacht einen konsequenten, aber schlechten Scherz serviert, daß sein Schuldschein und die 20000 Mark erledigt seien, und daß das einzig Anrüchige an der Sache jener Balling gewesen war, der irgendwie mit seinem Spielglück trotz des Dieners Emil sich nicht sicher gefühlt habe.