Um so mehr war er erstaunt, als sich bei ihm eines Tages ein Herr von Wenk meldete und ihm die Geschichte aus jener Nacht neu aufgewärmt auf den Tisch stellte.
Hull verhielt sich ablehnend.
Aber da sagte der andere, er sei Staatsanwalt. Der Herr von Wenk wurde in den höflichsten Formen sogar zudringlich und zog ein Schriftstück hervor. Das sei er gezwungen, in seiner Eigenschaft als Beamter vorzulegen, wie er sagte.
Hätte Hull sich wenigstens mit der Cara Carozza, der Freundin aus der Bonbonniere, besprechen können, statt allein da vor dem Mann zu sitzen und allein nachzugrübeln, was zu sagen oder wegzulassen für seine Bequemlichkeit am zuträglichsten wäre.
Er befand sich wohl in seinem Liebesglück mit Cara Carozza und hielt nicht im mindesten darauf, im Namen der Tugend des Landes von alten Speisen zu essen.
»Sie unterhalten, verübeln Sie mir die Einmischung in so persönliche Verhältnisse nicht, Beziehungen zu Fräulein Cara Carozza von der Bonbonniere,« sagte nun gar der Besucher.
»Uff, mein Gott!« seufzte es in Hull.
»Können Sie mich mit der Dame zusammenbringen? In Erfüllung meines Amtes, das mir der Staat übertrug. Wenn ich Sie freilich bitten dürfte, dem Fräulein gegenüber mich als Privatperson gelten zu lassen. Unnütz, Ihnen zu versichern, daß ich Sie für einen durch und durch makellosen Mann halte, der vollkommen unverdächtig ist. Auch über die Dame ist mir Nachteiliges nicht bekannt. Sie erweisen aber dem Land und wahrscheinlich sich selber einen Dienst. Sie stehen von heute an unmittelbar unter dem Schutz der Polizei. Beunruhigen Sie sich nicht. Noch ist das nichts anderes als eine vielleicht übertriebene Vorsicht. Sie sollen jedoch sicher sein, in keiner Weise an den Diensten zu Schaden zu kommen, die Sie Volk und Staat zu erweisen in der Lage sind.«
»Wie soll ich das alles verstehen, Herr Staatsanwalt?« fragte Hull unsicher.
»Sie werden sich doch Gedanken über Ihren glücklichen Gegenspieler gemacht haben?«
»Ganz offen gesagt, ich hatte eine Weile Angst, Herr Staatsanwalt. Es schien mir etwas Unheimliches bei der Sache zu sein. Schließlich habe ich mein vermutliches Vergessen, daß ich selber jenen Herrn mitgebracht hätte, auf einen schlechten Spaß meiner Freunde geschoben.«
»Aber dieser Herr Balling, der im Hotel ein anderer war als abends zuvor im Klub?«
»Der ist mir noch heute unklar. Man gibt sonst falsche Adressen an, um zu prellen. In diesem Fall aber war es geschehen, um 20000 Mark nicht zu bekommen.«
»Könnten Sie es sich nicht so erklären,« fuhr der Staatsanwalt fort, »der fremde alte Herr muß in irgendeiner Weise falsch gespielt haben? Er begnügte sich, vorsichtig oder gewarnt durch einen Zufall, dessen Kenntnis sich Ihnen entzieht, mit dem Geld, das er in bar gewonnen hatte. Er nannte einen Namen, der ihm gerade einfiel und von dem er durch irgendeinen Zufall Kenntnis hatte. Wenn nicht der Herr Balling vom Nachmittag im Excelsior nichts anderes als eine Ummaskierung des Herrn Balling aus Ihrem Klub war. Aber Sie sagen ja, der erste sei ein kleiner, dicker Mann gewesen, der andere aber von auffallender Körperform ... Spielen Sie noch, Herr Hull?«
»Ein bißchen, so dann und wann!«
»Zusammen mit Fräulein Carozza? Ich bin mit einem Ihrer Kameraden befreundet. Mit Karstens! Er wird mich Ihnen vorstellen, und wir werden eine Bekanntschaft gesellschaftlich erneuern, der amtlich vorgegriffen zu haben mir nicht allzu sehr verübelt werden möge. Ich hoffe, Sie auf meine Seite zu bekommen.«
Dann ging Wenk. Er begab sich in sein Amtszimmer.
* * * * *
Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Prozeß, in dem er als Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es seinem Beruf zwischen Anwälten, Richtern, Angeklagten gab. Früher hatte er regelmäßig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen Liebe, im Spiel die Macht über eigene Beherrschung ausprobierend, Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des Glückes anheim gegeben.
In dem Spielerprozeß hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten, hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt.
Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren, oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie fürs ganze Volk gewesen. Dann hatte bald jene verhängnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von den Kriegsbehörden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut versetzt wurden, um sie für die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu halten: die gesteigerten Löhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. Überall wurden Schleusen geöffnet, und in dem Maße, als die Waren seltener wurden, begann das Geld über alle Dämme zu schwemmen. Es war Wenk klar, daß jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem verhängnisvollen Ausgang des Krieges für Deutschland und so auch schuld an der politischen Entwickelung waren.
Sie hatten an Stelle der unvergänglichen, zu aller Entsagung, zu voller Pflichterfüllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Götzen -- das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfaßte das ganze Volk.
Der Krieg hörte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der äußere Erfolg, der äußere Glanz genommen worden war.
Hunderttausende waren durch den Krieg an ein untätiges Leben gewöhnt worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem betätigt als einesteils im Bewußtsein der Macht über Nebenmenschen und andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemüt waren verhängt worden.
Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhältnisse, in die sie aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie führten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphäre der Zufälle, der rasch aber hastig und vorübergehend die Nerven betäubenden Zustände aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurückgekehrte Volk warfen, sein Klima zu ihren Bedürfnissen umschufen.
Das war begreiflich, gewiß! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des Volkes über den laufenden Tag hinaus zu leiten, müßten nun mit letzter Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wäre eine Genesung zu erhoffen.
Der Spielerprozeß hatte Beispiel über Beispiel gezeigt, wie die Entwickelung sich gemacht hatte.
Dieser Prozeß hatte Wenk weit herum in den Gesellschaften geführt, die in dem neuen Laster -- im Spiel -- lebten und auch von ihm lebten. Seine Überzeugungen waren verankert, seine Kenntnis und sein Erkennen der Gefahr schreckhaft vergrößert worden.
Man spielte im Sous-sol um fünf und im ersten Stock um Fünftausende von Mark. Man spielte straßein, straßaus, hausauf und -ab. Man spielte mit Karten, mit Waren, mit Gedanken und mit Genüssen, mit der Macht wie mit der Schwäche, mit dem Nächsten wie mit sich selber.
Heute spielten auch die Menschen, deren Natur das Spiel nicht lag, die, bequem und gelassen, gewohnt waren, Gelegenheiten abzuwarten und nicht sich ihnen entgegenzuwerfen.
Wenk war ein Beamter gewesen, der sein achtunddreißigstes Jahr in einer ebnen und gut temperierten Karriere erreicht hatte. Im Krieg hatte er sich bei den Fliegern als Freiwilliger gestellt, weil er Liebe zum Sport hatte und von seiner lebhaften Jugend her die Erinnerung an den Reiz der Gefahr in sich bewahrte. Diese Tätigkeit hatte ihn aufgepulvert, und er ging in seinen Beruf mit heftigeren Gefühlen zurück, als er ihn verlassen hatte. Der Spielerprozeß und was er in seiner Atmosphäre gesehen, hatte ihn aufs leidenschaftlichste aufgerührt.
Er war sofort zum Minister gegangen, hatte geschildert, was er gesehen und erkannt, und ihm dargestellt, daß gegen diese neue Cholera gekämpft werden müsse, sonst zermürbe sie den Volkskörper. Bei der Wertlosigkeit des Geldes und den gesteigerten Bedürfnissen könne sich das Volk nicht anders helfen, als die zahllosen Papierscheine rastlos immer wieder aus einem Besitz in den andern zu jagen. Der normale Produktions- und Vertriebsverkehr ergäbe dazu aber nicht das nötige Tempo und beanspruche auch Arbeit. So geschehe es nach und nach, daß das Spiel den Herzschlag hergeben müsse, in dem das wirtschaftliche Leben pulsiere.
Der Minister lächelte. Er war ein neuer Mann. Er sagte: »Unser Volk ist gesund. Sie sind ein Pessimist!«
Aber Wenk fuhr gegen ihn an: »Es ist durch und durch krank! Woher kann es gesund sein -- nach solchen Jahren und einem solchen Leben?«
Da gab der Minister, der sich unsicher fühlte und nichts unversucht lassen wollte, nach und schuf einen neuen Posten, den Wenk einnahm.
Der ehemalige Staatsanwalt und Beamte wurde wie in einem Wirbel in sein neues Amt aufgerissen. Er widmete ihm alle Anstrengung und Energie. Er schaffte sich nicht zu seinem Titel einen Klubsessel und ein bequemes Bureau, sondern bildete sein Amt vom geringsten auf, ward Spitzel und Detektiv, unermüdlich immer sich selber hinausstellend, sammelnd, was er erreichen konnte. Alles tat er selber. So war er bald, da er das geringe Ausmaß seiner Kräfte im Kampf gegen die Ausdehnung des Lasters früh erkannte, auf den Gedanken gekommen, aus den Kranken selber eine Garde zu schaffen.