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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
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Wilhelm von Polenz
Liebe ist ewig
Roman
Dritte Auflage
Berlin, 1904, F. Fontane & Co.
Alle Rechte vor allem das Recht der Übersetzung vorbehalten
I.
Jutta mußte ihrem Bruder Eberhard wieder einmal bei seinen Experimenten helfen. Das Zimmer glich einem Naturalienkabinett. Auf Schränken standen ausgestopfte Vögel, auf Tischen und Kommoden erblickte man Steine, Erze, Gläser mit Spirituspräparaten, an den Wänden hingen Kästen, hinter deren Glasscheiben Schmetterlinge und Käfer aufgespießt waren. Vom Bücherbrett grinste unheimlich der Totenschädel herab. Der große viereckige Tisch in der Mitte des Zimmers war vollgestellt mit physikalischen Instrumenten; sie waren kostbarer, als man sie für gewöhnlich im Besitze eines siebzehnjährigen Gymnasiasten findet. Es herrschte in dem Raume ein undefinierbarer Geruch, der sich zusammensetzte aus der Ausdünstung ausgestopfter Tiere, kaltem Cigarettenrauch und dem ätzenden Aroma von allerhand Säuren und Essenzen. Eberhard hatte sein Zimmer das »Laboratorium« getauft, und die Hausgenossen waren ihm darin gefolgt, es so zu nennen.
Seine Schwester, um drei Jahre jünger als er, stand dabei, während er an der Induktionsmaschine herumhantierte. Er gab ihr barsche Befehle. Jutta reichte ihm wortlos, was er brauchte. Ihr Auge verfolgte den Fortgang des Experiments mit dem Blicke kühler Gewohnheit; offenbar war ihre Seele nicht dabei.
Eberhard tyrannisierte das Mädchen, ohne Bosheit, aus jenem naiven Selbstbewußtsein des jungen Mannes heraus, das ihm früh schon sagt: du bist auf der Welt, um zu regieren. Zunächst wurde dieses Regiment an der ausgeübt, die sich am wenigsten wehren konnte, an der kleinen Schwester.
Vor einem Jahre noch hatte Eberhard einen über sich gehabt, der ihn seine Faust schwer fühlen ließ: seinen älteren Bruder, Kurt. Aber Kurt war vom Vater nach Südamerika geschickt worden, um die Handelsinteressen, die das Haus Reimers dort hatte, an Ort und Stelle wahrzunehmen.
Seit der ältere Bruder jenseits des großen Wassers war, atmete Eberhard auf. Die fünf Jahre, die Kurt ihm im Alter voraus war, hatten den empfindlichen Knaben schwer gedrückt. Jetzt erst wurde für ihn Raum zur Entfaltung. Bisher war er der Kleine gewesen, der unter dem Schatten eines Größeren heranwuchs; nun endlich war er »junger Herr« geworden, brauchte nicht mehr davor zu zittern, von dem Älteren lächerlich gemacht oder gar bemitleidet zu werden.
Herr Reimers, der Vater dieser Kinder, war viel außer dem Hause. Seine Geschäfte führten ihn von einem Ende Europas zum anderen. Er war schon seit einigen Jahren verwitwet.
Wenn er von seinen Reisen nach Haus zurückkehrte, wollte er Behaglichkeit vorfinden und aufgeräumtes Wesen. Jutta und Eberhard wußten das; denn sie waren, wie die meisten Kinder, gute Beobachter. So hatten sie auch gemerkt, daß der Vater den unangenehmen Dingen aus dem Wege ging, und daß man am besten fuhr, wenn man ihm Unerfreuliches nach Möglichkeit verschwieg. Ohne sich verabredet zu haben, richteten die Geschwister ihr Verhalten nach dieser Eigenheit des Vaters ein. Ja, das war eigentlich das einzige, worin sie stillschweigend einig waren.
Wie vielfach in Familien, wo die Mutter fehlt, erschienen die Kinder, was das Äußere anbetraf, ziemlich selbständig und früh gewitzigt. Sie hatten sich mit Fremden einrichten müssen, waren gezwungen gewesen, sich zu verteidigen, ihre Stellung zu behaupten. Sie waren gewohnt, einerseits, sich selbst zu helfen; aber da der Hausstand, in dem sie aufgewachsen, ein großer war, so hatten sie auch die Angewohnheit angenommen, für sich arbeiten zu lassen, die Dienstboten zu befehligen und in Trab zu halten.
Die angejahrte Witwe, welche der Vater angenommen hatte, um die fehlende Hausfrau in der Wirtschaft zu ersetzen, war auch nicht die Person danach, den Kindern Achtung einzuflößen. Frau Hölzl befand sich in steter Sorge, den gut bezahlten Posten bei Herrn Reimers einzubüßen. Ihr vornehmstes Bestreben war, den Hausherrn bei guter Laune zu erhalten. Durch ihr System des Vertuschens aber war sie schnell in Abhängigkeit geraten von den Kindern, die sich die zweifelhafte Lage der Dame zu Nutze machten.
Da der Vater nur zeitweise zu Haus war und dann allerhand Abhaltung geschäftlicher und geselliger Natur hatte, waren die Kinder viel auf sich selbst angewiesen. Eberhard war Primaner und stand nicht weit von der Abgangsprüfung. Jutta besuchte eine Töchterschule. Sie gingen jedes seinen eigenen Weg, störten einander nicht in ihren Freundschaften, besonderen Liebhabereien und all den Dingen, wo zwischen Knabe und Mädchen von Natur eine Grenze gesetzt ist.
Da die Induktionsmaschine aus irgendeinem rätselhaften Grunde heute nicht funktionieren wollte, wurde sie von Eberhard mit einer Verwünschung bei Seite geschoben. Jutta wollte gehen, weil sie glaubte, sie habe nun frei, als er ihr zurief: sie solle ihm helfen beim Mikroskop. Schon hatte er den Kasten mit den Präparaten herbeigeholt und begann, das Instrument einzustellen, als auf der Stiege Schritte ertönten und ein Klopfen an der Thür vernommen wurde.
Ohne das »Herein« abzuwarten, trat ein junger Mann ein, von großer Gestalt, mit rötlichem Haar und unreiner Gesichtsfarbe. Seine Erscheinung wurde nicht gehoben durch den lückenhaften Bartwuchs, der an eine schlecht aufgegangene Saat erinnerte.
Bruno Knorrig schien sich hier zu Haus zu fühlen. Er sprach laut und lachte ohne ersichtlichen Grund schon auf der Schwelle. Seinen Überzieher riß er herunter und warf ihn über die nächste Stuhllehne. Dabei fiel aus der Tasche ein Buch zur Erde. Eberhard hob es auf, wohl mehr aus Neugier als aus Höflichkeit.
»Ach, laß doch!« rief Bruno und wollte es ihm wegnehmen. »Ich sah's ausliegen, und da's mit drei Mark fünfzig statt für sechs angezeigt war, kaufte ich's. Ich dachte, daß es was für dich wäre. Naturwissenschaftlich, du verstehst!« -- -- Dabei ein Blick auf das Mädchen.
Jutta runzelte die Stirn, sie verstand die Andeutung.
»Hm du!« machte Eberhard, in dem Buche blätternd, »für kleine Mädchen allerdings nichts!«
»Wir können's uns auch ein andermal ansehen, dächte ich,« fiel ihm Bruno ins Wort, der um keinen Preis die niedliche Jutta vertreiben wollte.
Aber bei Eberhard hatte die halbe Seite, die er gelesen, bereits gezündet. Er bedeutete die Schwester, daß die Herren allein gelassen zu sein wünschten. Mit einem Blicke des Bedauerns sah Bruno das Mädchen leichtfüßig entschwinden.
Die jungen Männer ahnten nicht, wie gern Jutta von ihnen ging. Aus Bruno Knorrig machte sie sich nichts, sie fand ihn langweilig und lächerlich. Mit früh entwickeltem Blick für dergleichen kritisierte sie seinen Aufzug, seinen Bart, seinen schlechten Teint.
Viel bessere Unterhaltung als in dem verräucherten Laboratorium wußte sie an einer anderen Stätte ihrer warten, der ihre kleinen Füße sie jetzt in ungeduldigem Laufe entgegentrugen.
* * * * *
Im Rückhause, durch einen schmalen Hof vom Vordergebäude getrennt, drei Treppen hoch, hatte ein Kunstmaler sein Atelier aufgeschlagen. Herr von Weischach hieß er. Mit ihm war Jutta Reimers befreundet; es verging kaum ein Tag, wo sie ihn nicht auf eine Viertelstunde wenigstens aufgesucht hätte.
Weischach war kein Jüngling mehr. Ehe er sich der Kunst zugewandt hatte, war er Soldat gewesen. Mit dem Titel Oberstleutnant hatte er den Abschied genommen. Die Malerei war von Jugend auf seine Passion gewesen, hatte ihn weit mehr interessiert als der Königliche Dienst. Aber Familienrücksichten und das Bewußtsein, daß sein Können nicht ausreiche, um die Existenz darauf zu gründen, hatten ihn abgehalten, den bunten Rock mit dem Malerkittel zu vertauschen. Dann machte er eine kleine Erbschaft, die es ihm ermöglichte, den Traum seines Lebens zu verwirklichen.
Eine längere Kunstreise führte ihn nach Italien und Griechenland. Nachdem er sich genügend durch Antike und Renaissance inspiriert glaubte, wählte er München zum Aufenthalt, in dem Glauben, daß, wenn ihm zur Kunstübung noch etwas fehle, es ihm hier durch die Luft gewissermaßen zufliegen müsse. Er hatte sich eine Wohnung mit Atelier gemietet und bemalte eine Leinewand nach der anderen. Im Sommer ging er nach Dachau, und im Winter verwandte er die Studien, die er von dort mitbrachte, zu Bildern.
Die Bekanntschaft von Weischach und Jutta war in harmlosester Weise im Hausflur angeknüpft worden. Dem Maler war das Gesicht des Mädchens aufgefallen, und da er für ein Genrebild, welches er plante, einen jugendlichen Kopf brauchte, der gerade diese Mischung von süßer ahnungsvoller Kindlichkeit und schlummernder Weiblichkeit wiedergäbe, so hatte er Jutta Reimers eines Tages einfach gefragt, ob sie ihm eine Stunde sitzen wolle. Das Mädchen bedachte sich keinen Augenblick ihm zu folgen.
