Mit einer Stunde war es natürlich nicht gethan. Jutta fand Gefallen an dem Gemalt-werden. Für sie hatten die Sitzungen, abgesehen von all dem Interessanten, was das Atelier bot, überdies den Reiz des Unerlaubten. Der Vater durfte nicht wissen, wo sie so manche ihrer schulfreien Stunden zubringe. Denn wenn auch Herr Reimers durchaus nicht zu den strengen Vätern gehörte, so lehrte dem jungen Dinge doch eine frühreife Wahrnehmung, daß der Vater, der über manches ein Auge zudrückte, ihren Verkehr im Atelier eines Kunstmalers nicht dulden werde. Da aber Herr Reimers viel von Hause abwesend war, und da er, wenn anwesend, sich auch nicht eingehend darum zu kümmern pflegte, was seine Kinder zu jeder Tagesstunde trieben, so war es Jutta bisher leicht geworden, ihr Geheimnis zu wahren. Eberhard freilich wußte darum; da es aber auch für ihn mancherlei gab, was vor des Vaters Augen versteckt werden mußte, so hatte er allen Grund, die Schwester nicht zu verraten.
Es war heute schon etwas spät geworden. Jutta wußte, daß Weischach auf sie gewartet haben würde. Er war neuerdings wiedermal ganz erfüllt von einem Bilde, zu dem er, wie er sagte, Jutta »die Inspiration« verdanke.
Sie kannte ihn nun schon ziemlich genau in seinen Eigentümlichkeiten. Wenn er einen Einfall hatte, dann war er voll Ungeduld, lief im Atelier auf und ab, zündete sich eine Cigarette an der anderen an, dabei heftig sprechend und gestikulierend. »Ich habe einen großartigen Gedanken!« Das wiederholte sich in unzähligen Tonarten. Dann gab er Jutta die zärtlichsten Namen. Sie war seine »Göttin« seine »gute Fee« sein »Genius« seine »Fornarina«. Dann schenkte er ihr Blumen, und sie bekam Prallinees zu essen, soviel sie wollte.
Und ein paar Wochen darauf war all die Herrlichkeit zu Ende. Dann hatte er angefangen zu arbeiten, Sitzung auf Sitzung, hatte mühselig zunächst mit Reißkohle die Umrisse auf die präparierte Leinewand gebracht, die Grundfarbe aufgetragen, sorgfältig die Verhältnisse abgewogen, Lichter aufgesetzt. Hier Licht, dort Schatten verstärkt, durch den Spiegel die Richtigkeit der Zeichnung studiert, radiert, übermalt, das Ganze umgeworfen und von neuem angefangen. Bis er schließlich verzweifelnd die Leinewand wegstellte, mit der bemalten Seite gegen die Wand, um nur nicht sein Machwerk vor Augen zu haben, das er jetzt eine »elende Stümperei« nannte.
Wochenlang konnte Herr von Weischach nach einer solchen Niederlage unthätig sitzen, Bücher lesend, die von Kunst handelten, und Cigaretten rauchend. In solchen Zeiten brauchte er Jutta Reimers ganz besonders notwendig; sie sei der »einzige Mensch«, mit dem man ein »vernünftiges Wort« reden könne. Die Unterhaltung war jedoch einseitig. Er hielt weitschweifige Vorträge über Pleinair und Impressionismus, raisonnierte auf die Kollegen Kunstmaler und pries seine eigene Malweise als die einzig richtige. Jutta, die nur zum allergeringsten Teile verstand, was er sagte, da er in technischen Ausdrücken schwelgte, vertrieb sich die Zeit, indem sie in Albums blätterte, in Zeitschriften las, Prallinees aß, oder mit der großen dreifarbigen Angora-Katze spielte, die sich der ehemalige Oberstleutnant als einzige Lebensgefährtin hielt.
Die kleine Jutta hatte heut abend kein gutes Gewissen ihrem Freunde gegenüber. Sie wußte, daß er sie photographieren wolle und hatte ihm zugesagt, am ersten klaren Tage aufs Atelier zu kommen. Heute nun schien vom frühen Morgen an die Sonne, und da Allerheiligen war, wo die Schule ausfiel, hätte sie auch Zeit gehabt dazu; aber gerade weil sie wußte, daß drüben einer saß, der sehnlichst auf sie wartete, war sie nicht gegangen. Es belustigte sie, sich vorzustellen, wie er herumlief im Atelier, alle zehn Minuten nach der Uhr sah, ärgerlich und nervös.
Ob er ihr wohl Vorwürfe machen würde? Sie mußte sich schnell noch eine Entschuldigung ausdenken: Kirchgang, Besuch einer Freundin, Schularbeiten -- damit er nicht allzu böse würde.
Klopfenden Herzens stand das Mädchen vor der Thür, an der man auf einem Messingschild den Namen »von Weischach« las. Sie klingelte nicht, sondern klopfte in verabredeter Weise. Es war eine von Weischachs Eigentümlichkeiten, daß er, wenn er »melancholisch« war, niemanden annehmen wollte, weder Malerkollegen, noch Modelle, noch ehemalige Kameraden. Dann wurde einfach nicht aufgemacht, mochten sie draußen noch so lange klingeln. Nur mit der kleinen Jutta machte er eine Ausnahme; die hatte jederzeit freien Eintritt.
Sie klopfte also in der vorgeschriebenen Weise. Ungesäumt wurde ihr geöffnet. Weischach war's selbst.
»Ich habe so auf dich gewartet, Jutta. Geh' in's Atelier! Ich komme sofort zu dir; will mich nur fertig anziehen.«
Er war -- was sie kaum beachtete -- ohne Krawatte, hatte den ersten besten Rock über das Frackhemd geworfen.
»Gehst du aus?«
»Ja ja! -- Geh nur ins Atelier!«
Jutta that, wie ihr geheißen. Im Atelier herrschte bereits Halbdunkel. Sie wußte, wo die Streichhölzer standen und machte Licht. »Mucki«, die Angora-Katze, nahte sich schnurrend, um sich an Jutta zu reiben, falsch freundlich, wie eine Favoritin, die eine andere begrüßt.
Aber Jutta hatte nicht Zeit, sich mit Mucki einzulassen; neugierig sah sie sich um. Hatte er gearbeitet? --
Ein paar Tafeln drehte sie um, es waren Skizzen zu dem Bilde, welches er »Inspiration« nannte, das niemals über den Entwurf herausgekommen war. Dann stieß sie auf ein Selbstporträt. Ganz deutlich war er daraus zu erkennen, seine kahle Stirn, die über den Ohren angegrauten Haare, seine große Nase und der mächtige Bart. Aber das Kostüm war ein anderes; es glich dem eines Eremiten. In der Hand, die vorläufig nur mit Kohle angedeutet war, hielt er eine Harfe.
Erstaunt betrachtete Jutta das Bild. Ärgerlich war sie, ja geradezu beleidigt. Davon hatte er ihr doch garnichts gesagt! Hinter ihrem Rücken war das geschehen. Ihrer Auffassung nach hatte er kein Recht, ohne ihre Genehmigung ein Werk anzufassen.
Mucki war auf einen Hocker gesprungen, dort saß sie mit gekrümmtem Rücken und eingezogenem Kopfe. Würdevoll ernst blickte sie auf das Bild, mit Überlegenheit in der Miene, als habe auch sie ihr Urteil in diesen Dingen.
Gleich darauf trat Weischach ein, hoch und schlank, die Haltung etwas gebückt. Er war im Gesellschaftsanzuge, das Ordensbändchen im Knopfloche. So glich er freilich dem Selbstporträt, das ihn im härenen Gewande zeigte, nur wenig.
»Kind, warum bist du heut mittag nicht gekommen?« fragte er, und ohne die Antwort abzuwarten: »Ich hatte einen Mann hier mit Kleidern; einen Trödler, der Gewänder besitzt aus dem vorigen Jahrhundert. Das hier ist von ihm.« Er hob einen langen braunen Mantel auf, unter dem eine Harfe lag. »Echte Sachen! Ich will uns beide malen. Dich und mich, als Harfner und Mignon. Großer Gedanke! In dem Stoffe liegt unaussprechliche Stimmung. Natürlich nenne ich das Bild nicht so. Keine Unterschrift, kein Unterstreichen überhaupt ist nötig. Ich nehme einfach mein Gesicht, nur schwach für den Zweck umgemodelt, und deine Züge, Jutta, wie sie sind, und das herrlichste, ergreifendste aller Bilder ist fertig. Schlicht, ohne jede Pose, wie ich mir's immer geträumt habe, das wird ein großes, tiefes, ernstes Werk!«
Die Hände auf dem Rücken gekreuzt, mit langen Schritten storchte er durch das Atelier, redete mit gesenktem, zwischen den eckigen Schultern eingezogenem Haupte in seinen langen Bart hinein.
Jutta war an seine Eigentümlichkeiten gewöhnt, er hielt in ihrer Gegenwart oftmals solche Monologe.
»Mir war es wie Offenbarung, als ich an diesen Stoff geriet. Es ist die Lösung eines Problems für mich. Warum nach Stoffen suchen, sie an den Haaren herbeiziehen wollen! Man kann schließlich doch nur sich selbst geben; alle Großen haben das von jeher gethan. Keine Illustration zu Goethe, um Gottes Willen! Ich gebe in diesem Bilde mein eigenstes Erlebnis. Der Harfner bin ich, und du Mignon. Aber schließlich verlangt die Kunst ein Medium; hier sollen mir die Gestalten der Dichtung dazu dienen. Ich benutze sie gewissermaßen als Symbole, die jedermann geläufig sind. Dadurch stelle ich von vornherein den Kontakt des Interesses und des Verstehens her zwischen mir und dem Beschauer. Niemand wird sich dem Eindruck entziehen können. ›Das ist der Harfner und Mignon!‹ muß der Ausruf sein. ›So und nicht anders konnten sie aussehen.‹ Jede kleinste Falte, jedes Härchen muß echt wirken. Bei aller Feinheit der Stimmung will ich ein durchaus realistisches Kunstwerk schaffen.«
Was kümmerte sich Jutta um »Stimmung« und »realistisches Kunstwerk«! -- Viel interessanter war ihr das, was er vorhin von einem Kleide angedeutet hatte. Sowie er sie zu Worte kommen ließ, fragte sie ihn danach.
»Ja, wenn du hier gewesen wärest, Jutta, heut mittag, zur Kostümprobe! Levy hatte drei Roben mit. Aber dalassen wollte er keine. Es sind seltene Stücke. Feinstes Nesseltuch, wie es unsere Urgroßmütter getragen haben. Es steckt Stimmung in solchem Fähnchen. -- Kannst du mir nicht für morgen eine Stunde fest angeben, Jutta, wo du bestimmt kommst? Es handelt sich ja nur darum, daß Levy dich mal sieht, damit er ungefähr das Maß hat. Die Farbe wähle ich, so wie sie mir ins Bild paßt. Dein Gesicht ist wie ausgesucht für Mignon, besonders Mund und Augen. Eine Nuance älter, wissender, erfahrener muß ich dich halten; mehr Weib gewissermaßen. Im übrigen wird kein Fältchen geändert. Frisieren mußt du dich natürlich auch lassen, dem Stile der Zeit entsprechend. Ich werde eine Person vom Theater bestellen, die das versteht. Du hast ja schönes Haar.«