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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen.
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ARISTOTELES’ POETIK
ÜBERSETZT UND EINGELEITET
VON
THEODOR GOMPERZ.
MIT EINER ABHANDLUNG:
WAHRHEIT UND IRRTUM IN DER KATHARSIS-THEORIE DES ARISTOTELES
VON
ALFRED FREIHERRN VON BERGER.
LEIPZIG, +VERLAG VON VEIT & COMP.+ 1897.
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
Vorwort.
Eine Übersetzung gleicht einem Fensterglas. Ist ein solches staubbedeckt oder rauchgeschwärzt, so zieht es die Aufmerksamkeit auf sich; erfüllt es hingegen seine Aufgabe in annähernd vollkommener Weise, so gleitet der Blick hindurch ohne seiner zu achten. Kein anderes Los erstrebt diese Übertragung der Poetik. Möge man sie so wenig als möglich gewahren, aber gar oft durch sie hindurchblicken auf das Original, das häufiger und eindringender Betrachtung in hohem Maße wert ist als das reife Erzeugnis eines der feinsten und umfassendsten, wenn auch vielleicht nicht der tiefsten Geister aller Zeiten.
Als Aristoteles nahe am Ende seiner Laufbahn (nach der Abfassung seiner „Politik“ und vor jener der „Rhetorik“) seine Lehrvorträge über die Dichtkunst endgültig in einem Werke zusammenstellte, dessen zweite Hälfte uns unwiederbringlich verloren scheint, hatte er vornehmlich einen aus Künstlern, Kunstkritikern und Kunstfreunden gebildeten Leserkreis vor Augen. Es galt den in Fragen der Poesie und der Beurteilung ihrer Schöpfungen hin- und herwogenden Meinungsstreit in engere Grenzen zu bannen und dem Urteil über Wert und Unwert der einzelnen Dichtwerke eine feste Grundlage zu bereiten. Wie muß das Heldengedicht, wie vor allem das Trauerspiel beschaffen sein, um den mit Fug an sie zu stellenden Forderungen zu genügen? Dies ist das Problem, mit welchem der uns erhaltene Teil der Poetik sich vornehmlich beschäftigt. Das zweite Buch war, so viel wir wissen, ausschließlich oder nahezu ausschließlich der von denselben Gesichtspunkten ausgehenden Betrachtung des Lustspieles gewidmet. Und wo -- so fragt wohl nicht ohne Erstaunen gar mancher unserer Leser -- wo ward von anderem als von Epik und Dramatik, wo ward insbesondere von der Lyrik gehandelt? Nirgendwo, so können wir mit Zuversicht antworten, und zwar auf Grund einer Reihe von Thatsachen, die für die Denkweise des Aristoteles bezeichnend genug sind, um ein längeres Verweilen zu rechtfertigen. Die Lyrik wird bei der Aufzählung der musischen Künste übergangen (Cap. 1), während die halb-lyrische und halb-dramatische Dithyrambik (s. Register) in diesem Zusammenhange genannt und überdies noch zweimal innerhalb des einleitenden Abschnittes erwähnt wird. Dazu kommt, daß so oft in diesen Eingangscapiteln rein lyrischer Dichtungsarten gedacht wird, dies nur in historischer Rücksicht und in der Weise geschieht, dass sie als bloße Vorstufen und Ansätze zu höher stehenden Gattungen erscheinen. Nur in diesem Sinne ist von „Hymnen und Lobliedern“ nicht minder als von „Rügeliedern“ die Rede. Auch dort, wo die sprachlichen Ziermittel unter die verschiedenen Zweige der Poesie hohen Stiles verteilt werden, umfassen diese neben Tragödie und Epos wieder nur den Dithyrambos (Cap. 22 Ende). Auch findet sich unter den zahlreichen Beispielen, die Aristoteles zum Behufe der Erläuterung seiner Regeln den unterschiedlichen Gebieten der ernsten Poesie entlehnt, nur ein einziges, das man mit einiger Wahrscheinlichkeit auf das Werk eines Lyrikers, des ~Pindar~, bezogen hat. Ist hier noch ein Zweifel möglich, so wird ein solcher durch die Art und Weise ausgeschlossen, in welcher der Verfasser der Poetik sofort in den allerersten Zeilen die Lyrik bei Seite schiebt, indem er die Lehre vom „Aufbau der Fabel“ nahezu an die Spitze seines Unternehmens stellt. Konnte aber bei einem Liebesliede der Sappho oder bei einem Trinkliede des Anakreon wohl von einer Fabel oder selbst (um gleich einem neueren Erklärer die Worte mit weitreichendster Freiheit wiederzugeben) von einem „componirten Sujet“ gesprochen werden? Ich glaube daher nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß Aristoteles für die lyrische Poesie einfach kein Auge besitzt und von allem Anfang an den Blick mit einseitiger Ausschließlichkeit auf Epos und Drama nebst ihren Abarten und Mischgattungen geheftet hat.
Diese Einseitigkeit ist keineswegs ein vereinzeltes Phänomen. Sie findet ihre Erklärung zum geringeren Teil in der allgemein-hellenischen Sinnesart, zum größeren in der geistigen Eigenart des Aristoteles. Die Überschätzung des Verstandesmäßigen, die Unterschätzung alles Triebartigen und Spontanen war ein Erbstück der Aufklärungsepoche und ihres vornehmsten Vertreters ~Sokrates~, dem ~Platons~ künstlerisch reich veranlagte Natur in gewissem Maß ein Gegengewicht bot, das bei Aristoteles fehlte. Nicht mit Unrecht hat ~Schiller~ in einem an ~Goethe~ gerichteten Briefe (Nr. 311) den Autor der Poetik einen „Verstandesmenschen“ genannt. Als solcher bewährt er sich vornehmlich an zwei Punkten. Einmal dort, wo er es unternimmt, das Wesen aller Kunstfreude zu erklären, und wo er diese auf die Lernfreude und auf die Lust am Combinieren, somit auf etwas rein Intellectuelles zurückführt (Cap. 4). Und wieder dort, wo er die Wertabstufung oder Rangfolge der verschiedenen Bestandteile der Tragödie zu ermitteln unternimmt. Hier wird der „Fabel“ oder der Composition des Dramas, also eben jenem Elemente die Palme gereicht, welches ganz und gar eine Leistung des Kunstverstandes ist. Von demjenigen, worin wir Neueren den Kern und Quellpunkt aller Poesie erblicken, von der Tiefe des Empfindens und von dem Reichtum der Einbildungkraft, von +Phantasie und Gemüt+ ist in der Poetik überhaupt nicht die Rede. Und es würde wenig frommen, wollte man diese Lücke durch die Behauptung zu verdecken suchen, es gelte dem Aristoteles, Normen und Regeln der Dichtkunst aufzustellen, während das Gemüt und die Phantasie des Joches aller Normen spotten. Das hellste Licht über die Eigenart der aristotelischen Kunstauffassung verbreitet jene Stelle unseres Buches, in der von der zwiefachen Art dichterischer Veranlagung gesprochen wird. Diese findet sich, so ungefähr heißt es an jenem Orte (Cap. 17), einerseits bei Naturen, die sich vermöge ihrer bildsamen Geschmeidigkeit leicht in fremde Geistes- und Gemütszustände zu versetzen wissen, andererseits bei solchen, denen ihr zum Affect neigendes Temperament dieselbe Fähigkeit verliehen hat. Bei den ersteren, so mag man den Gedanken weiter führen, besitzt das Vermögen, sich in psychische Zustände Anderer zu finden, eine große, bei den letzteren der Widerstand gegen die ansteckende Kraft des Affectes eine geringe Stärke. Allein in beiden Fällen -- dies lehrt der Zusammenhang unwidersprechlich -- ist von der Darstellung fremder Gemütszustände und von dem hierfür erforderlichen Eingehen auf dieselben, ganz und gar nicht von der +Selbstdarstellung+ des eigenen Gefühlslebens die Rede. Wie kann es uns da Wunder nehmen, wenn die aristotelische Kunstlehre dem Ausströmen der gesteigerten Empfindung im Liede nicht das kleinste Plätzchen einräumt? Wenn wir es gewohnt sind, die Quellen auch dramatischer Schöpfungen in inneren +Erlebnissen+ des Dichters zu suchen (man denke an den Faust oder Tasso oder auch an die Selbstbekenntnisse, die man in ~Shakespeare~’s Dramen gefunden hat), so ist dieser Gesichtspunkt dem Aristoteles völlig fremd, ja er wäre ihm kaum verständlich gewesen. Wird doch damit das Dramatische auf etwas Lyrisches, die +pragmatische oder objective Dichtungsart+ auf eine subjective zurückgeführt.
+Die gelungene Wiedergabe von etwas Gegenständlichem+ -- dies ist für Aristoteles, der hier und anderwärts keineswegs (nach ~Wilhelm von Humboldt~’s viel mißbrauchtem Wort) als „Halb-Grieche“, sondern weit eher, wenn man so sagen darf, als Über-Grieche erscheint, Alpha und Omega aller Kunstübung. Die Anfertigung von Bildwerken, die Plastik, ist ihr Typus, aber auch die von der Plastik am weitesten entfernten Kunstzweige, die Poesie und Musik, haben nach seiner und zum Teil auch nach ~Platons~ Auffassung die Aufgabe, Objectives nachbildend darzustellen, „Gesinnungen, Affecte und Handlungen“ Anderer zu lebensvoller Anschauung zu bringen. Vor allem „Handlungen“, und damit stoßen wir an die zweite Schranke der aristotelischen Kunstansicht. Ganz nah am Beginne der Poetik geht er mit einem kühnen Satze von dem Begriffe der nachahmenden Darstellung überhaupt ohne jede Vermittlung zur Darstellung +handelnder Wesen+ über (Cap. 2 Anfang). Dieser Sprung setzt über ganze weite Kunstgebiete hinweg. Das Landschaftsbild und das Stillleben in Malerei und Sculptur, das Tierepos und die eigentlich mythologische Dichtung, gleichwie das gesamte freie Spiel, das die Phantasie mit imaginären Geschöpfen jeder Art treibt, wird hierbei ignoriert oder mit Absicht aus dem Bereiche der Kunst hinausgewiesen. Man wende nicht ein, daß ja auch Götter, Nymphen, Kentauren oder Tiere „Handelnde“ seien. Daß Aristoteles hier lediglich an Menschen denkt, das zeigt die sofort nachfolgende Erörterung, die jene handelnden Wesen nach rein menschlichen Kategorien unterscheidet und nur auf solche Abstufungen ihrer Sinnesart Bedacht nimmt, die innerhalb der Menschennatur thatsächliche Verwirklichung gefunden haben. Tragödie, Epos und Komödie stehen eben derart nahezu ausschließlich im Vordergrunde seines Interesses, daß er das daneben Befindliche kaum gewahr wird. Und ganz ebenso ist sein Augenmerk wieder so überwiegend auf das (durch seine concentrierte Kraft und leibhafte Lebendigkeit ihn vor allem anziehende) Drama gerichtet, daß er den Vorzügen des Epos schwerlich gerecht wird und jedenfalls jene Quellen des Interesses, die dem Epos, nicht aber dem Drama zu Gebote stehen, ganz und gar übersieht-- ein Mangel, auf den bereits im Altertum die Ästhetik der Epikureer hingewiesen hat.
