Wir sind unvermerkt mit einigen Schwächen des aristotelischen Buches bekannt geworden. Da ziemt es sich, auch seiner leuchtenden Vorzüge nicht zu vergessen. Diese sind vornehmlich dort zu suchen, wo die Stärke dieses großen Kopfes überhaupt zu finden ist: in der Meisterschaft des Beobachtens und Einteilens, in der Freiheit, Schärfe und Treffsicherheit des Blickes. +Das Gleichartige zu verbinden, das Ungleichartige zu scheiden+, auch dort, wo der äußere Anschein, wo Herkommen und Gewöhnung jene Verbindung und diese Scheidung aufs äußerste erschweren -- das versteht Aristoteles wie kaum ein Anderer und darin erreicht der im übrigen vor allem durch die reichste Wissensfülle und durch die gelenkigste Biegsamkeit des Denkens hervorragende Geist die Höhe des echten Genies. Nur einem solchen war es vorbehalten, den Begriff der Poesie von dem äußerlichen Merkmale der Versform zu befreien und künstlerisch gestaltete Gespräche, wie es die platonischen sind, ihr nicht weniger einzureihen, als die in Prosa abgefaßten Genrebildchen eines ~Sophron~ und ~Xenarchos~ (s. Register). Nur ein solcher vermochte es, ein Höchstes menschlichen Geisteslebens, den Kunsttrieb und die Kunstfreude, auf ein Animalisches, dem Menschen mit den höheren Tieren Gemeinsames, den Nachahmungstrieb, zurückzuführen und in dem Vorzuge des Menschen hierbei nur einen Unterschied des Grades anzuerkennen (Cap. 4) -- ein Versuch, der uns Bewunderung abnötigt, wenngleich seine Durchführung in einer Weise erfolgt, in der wir, wie vorhin bemerkt, die Überschätzung +eines+ psychischen Elementes zu erblicken nicht umhin können. Kein anderer Irrtum war im Altertum weiter verbreitet und ward zäher festgehalten als die Verwechslung oder doch Vermengung der Poesie einerseits mit Moral, andererseits mit Wissenschaft. Kaum irgend etwas gereicht dem Autor der Poetik zu höherer Ehre als die sichere, durch keine Verlockung, auch nicht durch die Autorität seines Meisters ~Platon~ beirrte Festigkeit, mit welcher er jeder derartigen Grenzverwirrung entgegentritt, den specifischen Wert einer Dichtung unverrückt im Auge behält und von der moralischen ebenso sehr wie von jeder lehrhaften Abzweckung der Poesie abzusehen gelernt hat. „Das Wesentliche in der Kunst ist das Können“, dieses Wort ~Schopenhauers~ könnte man einigen Abschnitten der Poetik als Motto voranstellen. Der Blick für das Wesentliche zeigt sich ferner ebenso sehr in der Strenge, mit der aus der Sache selbst geschöpfte Normen eingeschärft, wie in der Läßlichkeit, mit welcher eine Regel preisgegeben wird, sobald ihre Verletzung der Dichtung höheren Gewinn bringt als ihre unnachgiebige Wahrung. Von der so schwer zu vermeidenden Neigung, das zur Zeit Geltende und Vorhandene für das allein Mögliche zu halten, zeigt sich Aristoteles hier in erstaunlichem Maße frei. Eine Äußerung, deren knappe Fassung nicht wenig zu bedauern ist, deutet seinen Glauben an eine weitere Entwickelungsfähigkeit der Tragödie vernehmlich genug an (Cap. 4), wobei angesichts dessen, was über die Entbehrlichkeit traditioneller Stoffe und bekannter Namen der Bühnenfiguren gesagt wird, „die ja doch nicht Allen bekannt sind, während sie Allen Genuß gewähren“ (Cap. 9), sich kaum an etwas anderes denken läßt, als an das zur Zeit noch gar nicht oder doch nur in ganz vereinzelten Ansätzen vorhandene +bürgerliche Trauerspiel+. Und daß diese Annahme keine allzu gewagte ist, das erhellt auch aus der Art, in der Aristoteles heroische und halb-mythische Dichtungsstoffe auf ihren wesentlichen, allgemein menschlichen Kern zurückzuführen weiß. Man vergleiche in diesem Betracht die Inhaltsangaben der Iphigenienfabel: „ein Mädchen ward geopfert, ohne Vorwissen der Opfernden entrückt“ u. s. w. und der Odysseussage: „ein Mann weilt viele Jahre hindurch einsam in der Fremde, während in der Heimat die Dinge so stehen, daß sein Besitz aufgezehrt und seinem Sohne nach dem Leben getrachtet wird“ u. s. w.
Die Weite und Größe des Umblickes thut jedoch der liebevollen Vertiefung in das Einzelne nicht den mindesten Eintrag. Die Poetik ist voll von dem, was man Atelier-Weisheit nennen möchte, von vielsagenden, einer bewunderungswürdigen Breite der Erfahrung entstammenden technischen Winken und Beobachtungen. Sollte ihr Verfasser sich hierbei nicht der fördernden Mithilfe eines fachmännischen Beraters erfreut haben? Man darf die Frage, wie ich meine, bejahen. Der reichbegabte, als Rhetor wie als Tragödiendichter gleich hervorragende ~Theodektes~ aus Phaselis war ein Schüler des Aristoteles und mit dem wenig älteren Meister auf’s innigste befreundet. Den frühverstorbenen Jünger hat der Lehrer ebensowohl durch die Herausgabe seines Nachlasses (einer Schrift rhetorisch-grammatischen Inhaltes), wie dadurch geehrt, daß er seiner Aussprüche und vor allem seiner Dichtungen wo es nur immer anging gedachte, in der Poetik einmal neben dem Ödipus des ~Sophokles~ (Cap. 10), und auch in solchen Fällen, in denen das Werk jedes beliebigen anderen Dichters als Beispiel denselben Dienst leisten konnte (Cap. 17). Wir irren schwerlich, wenn wir hierin auch die antiker Sitte gemäß erfolgende Abstattung einer Dankesschuld erblicken. Daß der Schauspieldichter den nach jeder Art von Belehrung eifrig ausspähenden Universalgelehrten, dem er persönlich so nahe stand wie ~Alkibiades~ dem ~Sokrates~, in manches Geheimnis seiner Kunst eingeweiht hat, wie sollte diese Annahme nicht hohe Wahrscheinlichkeit besitzen?
Die Anordnung des Buches bereitet dem Verständnis an einigen Stellen nicht geringe Schwierigkeiten. Diesen zu begegnen, dürfte eine kurze, den Leser vorweg orientierende Inhaltsangabe wohl geeignet sein. Der Eingang des Werkes dient in naturgemäßer Weise der Aussonderung der Poesie aus dem Gesamtbereiche der ihr nahe verwandten Künste. Daran schließt sich nicht minder naturgemäß die Gliederung der Dichtkunst in ihre Unterarten an. Die nächste Stelle nimmt die Untersuchung des Ursprungs und der Entwickelung der von Aristoteles anerkannten dichterischen Hauptgattungen ein. Durch diese bahnt er sich unmerklich den Weg zur Feststellung der Rangfolge und der durch sie bestimmten Folgeordnung in der Betrachtung jener drei Hauptgattungen: Tragödie, Epos und Komödie. Die Behandlung der Tragödie führt ihn zur Unterscheidung ihrer (inneren) Bestandteile oder Elemente und im Anschlusse hieran zur Ermittelung der Rangordnung derselben. In eben dieser Reihenfolge werden sie nunmehr besprochen. Zuvörderst und der ihr vom Stagiriten zuerkannten überragenden Bedeutung gemäß mit größter Ausführlichkeit der Bau der „Fabel“. Hieran reiht sich die Erörterung des zweiten Hauptbestandteiles, der „Charaktere“. Bis hierher (Cap. 15 Schluß) bietet der Verlauf der Darstellung keinerlei Anstoß. Hier ereignet sich jedoch etwas Wundersames. Der „Erkennung“, die im antiken Drama eine so bedeutsame Rolle spielt und die, wie sie selbstverständlich einen Teil der Fabel bildet, so auch ausdrücklich als ein solcher bezeichnet wird, ist das Capitel 16 gewidmet, obgleich der Autor im Beginne des Capitels 15 die Behandlung der Fabel bereits abgeschlossen und die Erörterung der Charaktere (wie bemerkt) in Angriff genommen hatte. Der Widersinn dieser Anordnung spottet jeder Rechtfertigung. Hier kann unmöglich absichtsvolle Überlegung gewaltet haben. Die naheliegende Mutmaßung einiger Kritiker, daß die Capitel 15 und 16 ihre Stelle zu tauschen haben, leidet jedoch an manchen Schwierigkeiten. Sie ist vor allem darum unglaubhaft, weil zufällige Irrungen, Blattvertauschungen u. dgl. nicht den Platzwechsel ganzer, in sich wohl abgeschlossener Abschnitte zu erzeugen pflegen. Wir haben anderwärts die Vermutung zu begründen versucht, daß uns hier eine nachträgliche Zuthat des Verfassers vor Augen liegt, die mit der Umgebung nicht mehr in angemessener Weise verwoben worden ist. Solch ein Nachtrag, die genauere Ausführung eines vorher nur angedeuteten Themas konnte sehr wohl durch die Wiederholung desselben Vortragscurses veranlaßt werden. Dazu stimmt auch der Umstand, daß die auf die Iphigeniendichtung des ~Polyeidos~ bezügliche Bemerkung in Capitel 17 in einer Weise erfolgt, als wäre die denselben Gegenstand betreffende Äußerung des Capitels 16 zur Zeit nicht vorhanden gewesen.
Die beiden folgenden Capitel sind von einer Reihe einzelner, wenig systematisch angeordneter Winke und Bemerkungen eingenommen, die sich zum Teil auf den Schaffensproceß des tragischen Dichters beziehen (Cap. 17), zum Teil die Absicht verraten, mit der Behandlung der Tragödie aufzuräumen und von ihren sechs Bestandteilen nur mehr zwei (die „Reflexion“ und die „Diction“) weiterer Besprechung vorzubehalten. Die Verwirklichung dieser Absicht bieten die Capitel 19-22, und zwar in der Art, daß die „Reflexion“ fast nur erwähnt wird, um aus dem Bereiche der Poetik hinaus- und jenem der Rhetorik zugewiesen zu werden, während die „Diction“ eine nicht nur durch ihre übergroße Weitläufigkeit das Befremden des Lesers erregende Erörterung erfahren hat. Denn auch darüber mag sich derselbe zunächst verwundern, daß der Autor diesen und nur diesen Bestandteil dort behandelt, wo die nachtragsweise Hinzufügung jener oberwähnten langen Reihe zerstreuter Bemerkungen bereits seine Absicht bekundet hat, die Lehre von der Tragödie zum Abschlusse zu bringen. Beides hängt auf’s engste zusammen. Und der Zusammenhang ist dieser. Die Sprachlehre war in jenem Zeitalter kaum über ihre ersten Anfänge hinaus gediehen. Sie bot nicht Stoff genug dar zu einer selbständigen Behandlung. Was Wunder, daß der allumfassende Encyklopädist den ersten ihm begegnenden Anlaß benützte, um einiges von dem vorzubringen, was er über diesen Gegenstand zu sagen hatte. Solch einen Anlaß gewährte ihm die Notwendigkeit, sich über die Erfordernisse der dichterischen Sprache zu äußern (Cap. 22). Diese bestanden für Aristoteles in der richtigen Verwendung der Metapher und der sonstigen Mittel des poetischen Ausdrucks. So mußten denn vorerst diese und ihre Abarten dem Leser vorgeführt werden (Cap. 21). Allein dem systematischen Geiste des Stagiriten widerstrebte es, die Mittel des poetischen Ausdrucks abzuhandeln, ohne vorher jene des sprachlichen Ausdrucks überhaupt durchmustert zu haben. Da galt es denn zunächst, die verschiedenen Redeteile oder Wortarten von einander zu sondern. Vom Wort aber führt der Weg einerseits nach abwärts durch die Silbe bis zum Sprachlaut, andererseits nach aufwärts zur Rede oder zum Wortgefüge, mochte dieses nun eine bloße Wortgruppe, ein Satz im eigentlichen Sinne, oder auch ein so vielteiliges Sprachgebilde sein, wie die Ilias eines ist (Cap. 20). Daher der große Umfang dieser Sprachcapitel, daher auch die auf den ersten Blick so verwunderliche Stelle, die sie einnehmen. In Wahrheit ist diese mit bestem Bedacht gewählt worden. An jedem früheren Orte hätte die übergroße Ausdehnung dieser Abschnitte das Ebenmaß der Darstellung empfindlich geschädigt. Noch schwerer aber wog ein anderer Bestimmungsgrund. Die „Diction“ mag immerhin, wie Aristoteles sie nennt, ein „Bestandtheil“ der Tragödie heißen; aber sie kann mit demselben Recht als ein Bestandteil des Epos und jeder anderen dichterischen Gattung gelten. Da war es denn ein überaus glücklicher Griff, dieses Stück an den Schluß der von der Tragödie handelnden Partie des Buches und damit zugleich unmittelbar vor den Anfang der die übrigen Dichtungsarten, zunächst der das Epos betreffenden Abschnitte zu setzen.