Nicht minder wohlerwogen ist die Anordnung der nunmehr folgenden letzten vier Capitel. Das 23. und 24. handeln vom Epos; das 25. erörtert das Thema der „Probleme und Lösungen“, deren Stoff in überwiegendem Maße dem Epos entnommen ist. Sind es doch die Muster-Epen ~Homers~, an denen der Scharfsinn der Kritiker und Ausleger von früh auf sich zu üben gewohnt war. Dabei verschlägt es nichts, daß der Autor hier und da Erzeugnisse der anderen echten Dichtungsarten herbeizieht, deren Behandlung ja in unserem Büchlein niemals eine streng gesonderte ist. Gelegentlich werden in diesem seltsamen Leitfaden der Disputierkunst über poetische Gegenstände auch grundsätzliche Ergebnisse gewonnen und auf die Tragödie nicht minder als auf das Epos angewendet. Den Schluß bildet die Vergleichung der zwei im ersten Buch allein besprochenen Dichtungsarten (Cap. 26), welche die schon vorher sattsam angedeutete Bevorzugung der Tragödie vor dem Epos mittelst einer der Spitzfindigkeit nicht entbehrenden Beweisführung zu rechtfertigen bestimmt ist.
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Anmerkungen wurden nur dort hinzugefügt, wo dieselben ganz und gar nicht zu entbehren waren. Im übrigen soll das +Register+, überwiegend im Anschluss an Eigennamen, dem Aufklärungsbedürfnisse des Lesers Genüge leisten. Außerdem hat der Übersetzer sich erlaubt, solche Ergänzungen des knappen aristotelischen Ausdrucks, deren der moderne Leser bedürfen mag, dem Texte selbst in cursivem Druck einzuverleiben, nicht minder Zuthaten, die einen Ersatz für unübersetzbare Beispiele bilden sollen. Die uns und manchen anderen Kritikern als unecht geltenden Stücke, nämlich das ganze Capitel 12 und der Schluß des Capitels 21, wurden in kleinerer Schrift gesetzt. Die Annahme einer Texteslücke wird durch ein Sternchen bezeichnet. Über die der Übertragung zu Grunde gelegte Textesgestaltung giebt ein +Anhang+ kurze Rechenschaft. Eigene Beiträge zur Kritik und Erklärung des Textes der Poetik hat der Übersetzer in vier Abhandlungen geliefert, von denen drei in den Sitzungsberichten der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften („Zu Aristoteles Poetik“ I, II und III. Wien 1888 und 1896), die vierte in dem Sammelbande „Eranos Vindobonensis“ (Wien 1893) veröffentlicht wurden.
Th. G.
Inhalt.
Seite
Aristoteles’ Poetik 1
Wahrheit und Irrtum in der Katharsistheorie des Aristoteles von ~Alfred Freiherrn v. Berger~ 69
Kritischer Anhang 99
Register 109
Nachtrag 128
=1.= Über die Dichtkunst, diese selbst sowohl als ihre Arten und das Wesen einer jeden derselben, über den Bau der Fabeln, der für das Gelingen der Dichtung erforderlich ist, über die Zahl und Beschaffenheit ihrer Teile, desgleichen über alles andere, was in den Bereich derselben Untersuchung fällt, wollen wir handeln, und zwar beginnen wir naturgemäß mit dem ersten zuerst. Das Heldengedicht und das Trauerspiel, ferner das Lustspiel und die Dithyrambendichtung, nicht minder der größte Teil des Guitarre- und Flötenspieles sind insgesamt nachahmende Darstellungen, unterscheiden sich aber in drei Punkten: in den Darstellungsmitteln, den Darstellungsobjecten und der Darstellungsweise. Denn gleichwie man vielerlei Gegenstände durch Farben und Formen, teils kunstgerecht, teils routinegemäß, manche auch durch die Stimme nachbildet, so steht es hierin mit den gesamten Künsten also. Sie alle stellen durch Rhythmus, Rede und Tonsatz dar, zum Teil durch einzelne dieser Kunstmittel, zum Teil durch ihre Vereinigung. Tonsatz und Rhythmus allein verwendet das Guitarre- und Flötenspiel und wenn es noch irgend welche andere Künste von der Art giebt, wie das Spiel der Hirtenpfeife eine ist, Zweige der Musik nämlich, deren Betrieb Sache des ungeschulten Volkes ist. Durch bloßen Rhythmus ohne Tonsatz stellen die feineren unter den Tänzern etwas dar; denn auch sie bilden durch den Geberden-Rhythmus Stimmungen, Affecte und Handlungen nach. Der bloßen prosaischen oder versificierten Rede, und im letzteren Falle +einer+ Gattung oder eines Gemenges von Versmaßen, bedient sich eine Darstellungsart, die bisher einer ihr eigentümlichen Bezeichnung ermangelt. Denn es fehlt uns an einer gemeinsamen Benennung für die Mimen des ~Sophron~ und ~Xenarchos~ und für die sokratischen Gespräche, gleichwie für nachahmende Darstellungen, welche jemand in das Gewand jambischer Trimeter, des elegischen oder irgend eines anderen Versmaßes kleiden wollte. Nur pflegen die Menschen an das Versmaß das Wort „dichten“ zu heften und die Einen Elegiendichter, die Anderen hexametrische Dichter zu nennen, indem man ihnen nicht den Dichternamen auf Grund der nachahmenden Darstellung zuerkennt, sondern je nach dem Versmaß eine gemeinsame Bezeichnung erteilt. Denn auch wenn sie ein Thema der Heil- oder Naturkunde in Versen zum Ausdruck bringen, pflegt man sie so zu nennen; in Wahrheit hat aber ~Homer~ mit ~Empedokles~ nichts als das Versmaß gemein, weshalb man jenen einen Dichter, diesen aber nicht sowohl einen solchen als einen Naturforscher nennen sollte. Ebenso stünde es (d. h. ebenso ließe uns der herrschende Sprachgebrauch im Stich), wenn jemand alle Versmaße durcheinander mengen und in dieser Gestalt eine nachahmende Darstellung hervorbringen wollte, etwa wie ~Chäremon~ seinen „Kentauren“ gedichtet hat; und doch müßte man ihn einen Dichter nennen. So viel nun hierüber. Endlich aber giebt es Künste, die sich all der genannten Mittel, nämlich des Rhythmus, des Liedes und des Verses bedienen, so einerseits die Dithyramben- und Nomendichtung,[1] andererseits das Lust- und Trauerspiel, nur mit dem Unterschied, daß jene alle diese Elemente vereinigt, diese sie in partienweiser Abwechslung verwenden.
=2.= So unterscheiden sich nun die Künste in Ansehung ihrer Darstellungsmittel. Da jedoch die Darstellenden Handelnde darstellen, diese aber notwendig edel oder gemein sein müssen -- sind doch dies die Grundformen, auf welche so ziemlich sämtliche Charakternüancen zurückgehen, da sich Alle durch Schlechtigkeit und Güte des Charakters von einander unterscheiden --, so werden jedesmal Personen dargestellt, die entweder über das Durchschnittsmaß hervorragen oder unter dieses herabsinken oder auch ihm entsprechen. Verfahren doch auch die Maler nicht anders, wie denn Polygnot Idealgestalten, Pauson ihr Gegenteil, Dionysios aber Conterfeis geschaffen hat. Es leuchtet ein, daß auch jede der genannten darstellenden Künste diese Unterschiede aufweisen und eine andere sein wird, je nachdem sie in diesem Sinn anders Geartete darstellt. Denn auch wo man es zunächst nicht erwarten sollte, in der Tanzkunst gleichwie im Guitarre- und Flötenspiel ist für diese Unterscheidungen Raum vorhanden; desgleichen bei der prosaischen und der versificierten Darstellung, wie denn ~Homer~ bessere als Durchschnittsmenschen, ~Kleophon~ eben solche, ~Hegemon~ der Thasier aber, da er das Genre der Parodien schuf, und ~Nikochares~, der Verfasser der „Deliade“, schlechtere dargestellt haben. Nicht anders steht es mit Dithyramben und Nomen, wie denn ~Timotheos~ einen Nomos „die Perser“, er und ~Philoxenos~ je einen Dithyrambos „Der Kyklope“ gedichtet haben. Eben dies aber ist der Punkt, an dem sich das Trauerspiel vom Lustspiel scheidet; denn dieses will schlechtere Charaktere darstellen, jenes aber bessere, als in der Gegenwart heimisch sind.
=3.= Der dritte dieser Unterschiede hat auf die Art und Weise der nachahmenden Darstellung Bezug. Denn diese kann auch bei gleichen Darstellungs-Mitteln und -Objecten eine verschiedene sein. Einmal nämlich bedient sich der Dichter der erzählenden Form (und zwar entweder, wie ~Homer~ dies thut, in der Gestalt eines Anderen oder in eigener Person und als ein und derselbe), ein andermal führt er die Dargestellten insgesamt als thätig und handelnd vor. Diese drei Punkte sind es somit, nach welchen, wie bereits bemerkt, die Darstellung sich unterscheidet, nämlich nach ihren Mitteln, ihren Gegenständen und ihrer Form. So kommt denn ~Sophokles~ in einem Betracht neben ~Homer~ zu stehen, da Beide würdige Charaktere darstellen, in einem anderen neben ~Aristophanes~, denn Beide stellen Handelnde und Wirkende dar. Eben darum, weil die Bühnenwerke Handelnde darstellen, heißen sie, wie manche behaupten, „Dramen“. Und damit hängt es zusammen, daß die Dorer den Anspruch erheben, die Urheber des Trauerspieles und Lustspieles zu sein. Das Lustspiel wollen nämlich die Megarer geschaffen haben, sowohl die im Mutterlande -- und zwar zur Zeit, da bei ihnen das demokratische Regiment bestand -- als die sicilischen, deren Mitbürger ~Epicharm~ war, lange vor den ältesten attischen Lustspieldichtern ~Chionides~ und ~Magnes~. Das Trauerspiel aber wollen einige der peloponnesischen Dorer ins Leben gerufen haben, wobei sie sich insgesamt auf das Zeugnis der Sprache berufen.[2] Sie selbst nämlich nennen, wie sie sagen, die ländlichen Ortschaften „Kōmen“, während die Athener sie als „Dēmen“, bezeichnen, die „Komöden“ aber seien nicht von „kōmázein“ (umherschwärmen) so benannt, sondern davon, daß sie, denen Mißachtung die Stadt verschloß, in den Dörfern (Kōmen) umhergezogen seien; endlich heiße das Tun bei ihnen „drān“ (woher Drama stammt), bei den Athenern aber „prāttein“.